Retrospektive 2025

Roth und Wasser - die Ästhetik der großen Gefühle im Melodrama

Große Gefühle. Immer wieder suchen wir sie im Kino mit seiner ungeheuren Macht. Dort erleben wir sie in einer Intensität, die manchmal über das reale Leben hinausragt. Gerade deshalb fühlen wir uns im Kinosaal lebendig - erfahren uns als Mensch.
Das Melodrama lässt uns häufig sogar weinen, heftig weinen. “Rotz und Wasser” heulen wir dann. Aber wie ist das möglich, warum fühlen wir mit den Figuren mit? Schließlich wissen wir doch, dass es sich bei Filmen um Kunstprodukte, also trotz aller dargestellten Härten um vorgespielte Schicksale handelt. Künstlerische Wahrheit scheint der Schlüssel zu sein. Und natürlich kennt das Kino auch Techniken, um uns zum Weinen zu bringen. Doch warum setzen wir Zuschauer*innen uns dem aus? Fühlen wir uns dabei wohl? Do we “Feel Good?!”, wie unser Jahresdesign fragt?

Nach dem menschlichen Körper im vergangenen Jahr nunmehr also die Gefühle. Denn das Melodrama erzählt seine Geschichten ganz durch Emotionen, rückt innerseelische Konflikte in den Vordergrund. Spannend ist das, weil der Film als visuelles Medium dazu neigt, vor allem äußere Handlungen darzustellen. Innere, psychologische Vorgänge zu zeigen, ist für ihn eine besondere Herausforderung. Den Schauspielern verlangt das Melodrama daher besondere Leistungen ab. Aber auch das Dekor, die Räume und die Musik gewinnen in diesem Kontext an zusätzlicher Bedeutung. Sie alle werden zum Spiegel der Seele.

Die Gefühle im Melodrama selbst sind groß, werden häufig aufs Äußerste zugespitzt, der Stil überhöht, ein Kino der Maßlosigkeit entsteht. Angesichts des Scheiterns der Helden*innen stellt sich die Frage nach der Angemessenheit ihrer Ansprüche. Fest steht: Ihre Gefühle führen sie nicht selten in einen Widerspruch zur Gesellschaft und ihren Werten. Die Figuren tragen diesen Widerspruch in sich aus. Georg Seeßlen schrieb dem Melodrama eine Gesellschaftskritik im Namen des individuellen Glücks zu. Es fördert so ähnlich wie der Artverwandte Film Noir unangenehme Wahrheiten zutage, z.B. über Klassenverhältnisse oder die Rolle der Frau. Denn lange stehen vor allem die Dramen weiblicher Figuren im Zentrum der - wiederum von Männern inszenierten - Filme. Immer wieder träumen diese Figuren von ungelebten, unmöglichen Leben - und drohen an der Realität zu zerbrechen.

Die Retrospektive umfasst zwölf Werke. Mit ›Mildred Pierce‹ (1945) von Michael Curtiz, ›All the Heaven Allows‹ (1955) von Douglas Sirk sowie ›An Affair to Remember‹ (1957) von Leo McCarey stellen drei US-amerikanische Schlüsselwerke den Ausgangspunkt dar und tragen der stilbildenden Rolle Hollywoods für dieses Kino der Gefühle Rechnung. Doch Filmemacher*innen auf der ganzen Welt haben die melodramatische Form genutzt. So führt das Programm mit ›Night River‹ (1956) von Kozaburo Yoshimura nach Japan; Ägyptens Regie-Ikone Youssef Chahine zeichnet in ›Cairo Station‹ (1958) die nordafrikanische Megametropole wie in einem Fiebertraum. Ingmar Bergman erzählt in ›The Passion of Anna (1969) von Leid und Gewalt auf einer abgelegenen schwedischen Insel und ›The Lang Day Closes‹ (1992) von Terence Davies zeigt uns das Liverpool der 1950er. Maggie Cheung führt uns von Hongkong aus zweimal um die ganze Welt. Und sowohl Lars von Trier als auch Felix van Groningen bringen das Kino der Emotionen bis an die Grenze der Manipulation - und schließlich zum Bersten.

So oder so: Am Ende scheinen wir alle in Bryan Ferrys Song im Soundtrack zu ›In the Mood for Love‹ (2000) einstimmen zu wollen: If there's a cloud above / If it should rain, we'll let it / But for tonight, forget it / I’m in the mood for love.

Die Filme der Retrospektive 2025 im Überblick:

›Night River‹ Kōzaburō Yoshimura, Japan 1956

›The Passion Of Anna‹ Igmar Bergmann, Schweden 1969

›Rosa La Rose - Fille Publique‹ Paul Vecchiali, Frankreich 1986

›Mildred Pierce‹ Michael Curtiz, USA 1945

›The Long Day Closes‹ Terence Davies, Vereinigtes Königreich 1992

›In The Mood For Love‹ Wong Kar-Wai, Hongkong 2000

›The Broken Circle‹ Felix van Groeningen, Belgien 2012

›Cairo Station‹ Youssef Chahine, Ägypten 1958

›Hongkong Love Affair‹ Peter Ho-Sun Chan, Hongkong 1996

›Breaking The Waves‹ Lars von Trier, Dänemark 1996

›All That Heaven Allows‹ Douglas Sirk, USA 1955

›An Affair To Remember,‹ Leo McCarey, USA 1957