Retrospektive 2021

Retrospektive 2021: Umbrüche und Wendepunkte

© image courtesy of Park Circus, Paramount

Kino kann Gedankengebäude ins Wanken bringen und lässt Welten aufeinanderprallen – persönliche und gesellschaftliche, ästhetische und politische, reale und fiktive. Das macht Kinoerlebnisse aufregend und betörend, aber auch beunruhigend und bisweilen verstörend.

Das IFFMH ist seit 70 Jahren Entdecker von Talenten, blickt durch ihre Augen und Kameras auf gesellschaftliche Entwicklungen und Verschiebungen, begreift Filme als Seismografen ihrer jeweiligen Epochen. Zur 70. Edition taucht die Retrospektive UMBRÜCHE UND WENDEPUNKTE ein in die Geschichte des Festivals. Dabei ist der Fokus nicht der eines repräsentativen Querschnitts, sondern auch hier steht der Gestus der Entdeckung und Wiederentdeckung im Zentrum: ein frischer Blick auf die Bandbreite des auf dem Festival versammelten internationalen Kinos.

Die Retrospektive ist in diesem Sinne eine Expedition an Kristallisationspunkte der Festival- und Filmgeschichte. Das internationale Autorenkino der sogenannten Neuen Wellen ist dabei eine der Leitlinien, die sich durch die Jahrzehnte ziehen. Widmete sich die letztjährige Retrospektive dem französischen Kino nach den Maiunruhen 1968, stehen nun erneut in mehreren Werken die prägenden Ereignisse der späten 1960er-Jahre im Mittelpunkt: Bürgerrechtsbewegungen, Studentenunruhen, Prager Frühling.

In 14 Programmen erzählen die Filme von Wendepunkten – mal gesellschaftspolitischer, mal künstlerischer Natur. Dabei brechen sie alle auf unterschiedliche Weise mit den kinematografischen Konventionen ihrer Vorgänger. Gemeinsam spüren wir ihren vor Aufbruchs- und Ausdruckswillen sprudelnden Stimmen nach.

Kein anderes Land produzierte in den 1950er-Jahren mehr Filme als Indien – die international allerdings kaum wahrgenommen wurden. Mit Satyajit Rays ›Pather Panchali‹ (1955) änderte sich dies schlagartig. Der Film wurde weltweit gefeiert, auch in Mannheim. Die stark vom italienischen Neorealismus geprägte lyrische Erzählweise wirkte dabei nicht nur für das indische Kino stilbildend. Doch auch in vielen anderen Ländern entstanden in den folgenden Jahren Neue Wellen, am prominentesten und einflussreichsten in Frankreich, aber unter anderem auch in England, dem Iran und der Tschechoslowakei.

In den USA formierte sich um John Cassavetes das Independent Kino als ein Vorläufer des New Hollywood. Haskell Wexler lässt seinen mit dem Großen Preis der Stadt Mannheim ausgezeichneten ›Medium Cool‹ (1969) in den Ausschreitungen der Democratic National Convention gipfeln und zeigt die USA in Aufruhr. Gleichzeitig suchen in Deutschland Edgar Reitz, Adolf Winkelmann, Günter Peter Straschek oder Danièle Huillet und Jean-Marie Straub ihrerseits neue ästhetische Wege, die gesellschaftspolitischen Umbrüche der BRD zu thematisieren. Das Oberhausener Manifest läutet den Neuen Deutschen Film ein. Es sind Jahre, die geprägt sind von einer überschwänglichen Lust am Experiment. Gesucht werden nicht mehr nur Stars vor der Kamera, sondern die Filmemacher*innen machen die Kamera selbst zum eigentlichen Star.

Von dort sind es noch zwei Jahrzehnte bis zum Ende des Kalten Krieges und dem Ende dieser Retrospektive. 1989: die politischen Umwälzungen in den Ostblockstaaten sind in vollem Gange als Volker Koepp im brandenburgischen Zehdenick einen Dokumentarfilm über den Niedergang der dortigen Ziegelfabrik dreht. ›Märkische Ziegel‹ (1989) ist geprägt von einer allgegenwärtigen Desillusionierung. Mit diesem märkischen Blick auf die Wende erweist sich Koepp als großer Chronist einer Zäsur.

Abbas Kiarostamis ›Tadjrebeh – The Experience‹ (1973) über einen Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, der sich in ein Mädchen aus einem noblen Viertel verliebt, erinnert schließlich an Satyajit Rays Erzählhaltung und politisches Bewusstsein. Beides findet auch in Manuela Serras ›O Movimento das Coisas‹ einen entfernten Widerhall. Der Dokumentarfilm über das Leben in einem Dorf im Norden Portugals ist eine große Wiederentdeckung und betont die Rolle weiblicher Filmemacherinnen an historischen Bruchstellen. So gilt Ula Stöckls ›Neun Leben hat die Katze‹ (1967) genauso wie Gertrud Pinkus’ ›Il valore della donna è il suo silenzio‹ (1980) als Klassiker des feministischen Kinos. Mit Věra Chytilovás ›Von etwas anderem‹ ist zudem ein Film von einer der wichtigsten Filmemacherinnen des europäischen Kinos im Programm vertreten. Ihr Werk: Wütendes politisches Kino, das vehement am patriarchalen Status quo rüttelt und wie auch die anderen Filmemacher*innen dieser Retrospektive mit den Mitteln des Kinos die Um- und Aufbrüche ihrer Zeit begleitet.