Le Deuxième Souffle – Die zweite Generation 1968-1983

Neue RETROSPEKTIVE des IFFMH würdigt und feiert eine der reichhaltigsten Epochen des französischen Kinos.

Simone Barbès ou la vertu | © la traverse

Ein Highlight des Programms auf dem diesjährigen Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg (IFFMH) wird die neu geschaffene RETROSPEKTIVE. Mit Le Deuxième Souffle – Die zweite Generation 1968-1983 rücken Kurator Hannes Brühwiler und Festivaldirektor Sascha Keilholz die zweite Generation der Nouvelle Vague und ihre Zeitgenoss*innen ins Zentrum. Die Filme werden zum Teil auf 35-Millimeter-Kopien oder in digital restaurierten Fassungen zu sehen sein.

„Das französische Kino nach 1968 ist ein Kino des Umbruchs. Es dokumentiert einen tiefgreifenden Wandel in der französischen Gesellschaft, zu einem Zeitpunkt, in dem politische, gesellschaftliche und kulturelle Werte in Frage gestellt und neu verhandelt werden“, so Brühwiler.

Vor allem ist es ein Kino des Danachs, ein Kino, das auf filmische und politische Zäsuren folgte und sich mit ihnen auseinandersetzen musste. Die Nouvelle Vague ist der Dreh- und Angelpunkt aus dem gemeinhin die französische Filmgeschichte betrachtet wird. Eine Generation junger Filmschaffender setzte im Windschatten der Cahiers du Cinéma ab Ende der 1950er zum Sturm auf das Kino an. Das cinéma de papa wurde zum Feindbild und als konservativ erstarrte Langeweile erklärt. Die Filme von Jean-Luc Godard, François Truffaut, Agnès Varda, Chris Marker, Eric Rohmer oder Jacques Rivette übten einen unmittelbaren und weltweiten Einfluss aus, der bis heute, knapp 60 Jahre später, ungebrochen ist. Der Mythos Nouvelle Vague ist heute so stark, dass er einen Großteil des französischen Kinos der darauffolgenden Jahre überschattet.

Die Auswahl der Retrospektive Le Deuxième Souffle stellt die Generation Filmschaffender in den Mittelpunkt, die unmittelbar nach den Pionier*innen der Nouvelle Vague ihre Filme drehte. In vielerlei Hinsicht übertrafen sie die Werke ihrer berühmten Vorgänger*innen sogar noch. Einige von ihnen werden oft auch als zweite Generation der Nouvelle Vague bezeichnet. Ausgangspunkt der Retrospektive ist dabei das Jahr 1968 und die Ereignisse rund um den Mai 68, die in der französischen Gesellschaft und Kultur tiefe Spuren hinterlassen hatten.

Das Programm setzt sich zusammen aus kanonisierten Klassikern dieser Phase und Werken, die selbst in Frankreich in Vergessenheit geraten sind. Gleichzeitig liefert dieser Aus- und Querschnitt viele Querverweise in eine der reichhaltigsten Epochen des französischen Kinos.

Drei Filme werden auf 35-Millimeter-Kopien gezeigt: Maurice Pialats Spielfilmdebüt L'enfance nue, Gérard Blains stark autobiographisch geprägtes Meisterwerk Un enfant dans la foule und La maman et la putain von Jean Eustache, das Manifest einer ganzen Generation.

Bei den weiteren Vorführkopien handelt es sich überwiegend um digital restaurierte Fassungen. Die 4K-Restaurierung von Neige, Regie Juliet Berto und Jean-Henri Roger, entstand im Rahmen der Cannes Classics 2020 und wird – wie die meisten anderen neuen Versionen der Retro-Beiträge – beim IFFMH seine deutsche Erstaufführung haben.

Weitere Filme: La fiancée du pirate von Nelly Kaplan, L’étrangleur von Paul Vecchiali, Les hautes solitudes von Philippe Garrel, Jeanne Dielman 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles von Chantal Akerman, La Drôlesse von Jacques Doillon, Mon coeur est rouge von Michèle Rosier, Simone Barbès ou la vertue von Marie-Claude Treilhou.

Den Endpunkt dieser Retrospektive bildet Tchao Pantin von Claude Berri, eine der finalen konsequenten Autorenvisionen dieser Ära.