Guillaume Nicloux

Blutende, zuckende, sterbende Körper liegen zu einem Haufen geschichtet in einem Erdloch mitten im Urwald. Wieder und wieder entleert ein Henker sein Magazin. In einem unbeobachteten Moment befreit sich Robert aus dem Massengrab und kriecht in die finstere Wildnis.

›To the Ends of the World‹ (2018) beginnt wie eine Variation von Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“. Guillaume Nicloux schlägt eine Brücke zwischen Zweitem Weltkrieg und Indochina, zwischen Holocaust und anderen Verbrechen an der Menschlichkeit. Dabei zersetzt er Genre- und Männlichkeitsstereotype mit homoerotischer Ästhetik.

Der Film ist ein Ausrufezeichen im radikalen Werk des Franzosen und gleichzeitig programmatisch: Im Stile Kubricks nimmt sich Nicloux immer wieder unterschiedlichster Genres an und transzendiert sie. In ›Eine ganz private Affäre‹ (2002) mit Thierry Lhermitte und Marion Cotillard überführt er den Film Noir und dessen erotische Untertöne ins neue Jahrtausend. ›Im Schatten der Wälder‹ (2003) ist die Wiederbelebung des Policier aus weiblicher Perspektive und ›Wächter des Lebens‹ (2006) ist Nicloux‘ Antwort auf Mysterythriller. Die Filme beziehen sich aufeinander, in Motiven, in Variationen. Sie experimentieren mit Subgenres des Thrillers, verbunden durch einen Hang zum Mysteriösen. In den 2010er-Jahren wird Nicloux noch unberechenbarer. ›Die Nonne‹ (2013), eine Adaption des Klassikers von Diderot, erforscht im Gewand des Historienfilms sexuelle und andere Abhängigkeitsverhältnisse. Die kolportierte Entführung des Autors Michel Houellebecq im gleichnamigen Film (2014) sprengt schließlich das Genre der Mockumentary und findet eine Variation in ›Thalasso‹ (2019). Dort trifft der Literat auf Schauspieler Gérard Depardieu, der die Filme Nicloux' seit Jahren prägt. In ›The End‹ (2016) verliert der kolossale Akteur buchstäblich sich selbst. In ›Valley of Love‹ (2015) reist er mit seiner Ex-Frau (Isabelle Huppert) ins Death-Valley, um seinen verstorbenen Sohn noch einmal zu sehen. Denn im Werk von Nicloux geschehen noch Wunder.

© Orange Studio

Masterclass Guillaume Nicloux
moderiert von Frédéric Jaeger
am Dienstag, den 16.11. um 16:00 Uhr im Stadthaus N1 (Ratssaal)
auf Französisch und Englisch