Andrea Arnold

Ein Handzettel für ein Casting ist alles, was die Teenagerin Mia hat. Wegen aggressiven Verhaltens von der Schule geflogen, von der alleinerziehenden Mutter nicht ernst genommen, klammert sie sich an den Traum, Tänzerin zu werden. Daraus würde Hollywood puren Kitsch machen – von der Gosse auf die Bühne. Die britische Filmemacherin Andrea Arnold jedoch zeichnet daraus ein gleichermaßen einfühlsames wie ungeschöntes Porträt des Arbeitermilieus. In ihrem zweiten Langfilm ›Fish Tank‹ (2009) ergründet sie die Sehnsüchte der 15-Jährigen, ohne sie auszustellen.

Arnold betont, sie erzähle Geschichten aus dem Leben. Sie stammt selbst aus einer Arbeiterfamilie, startete ihre Karriere beim Fernsehen und studierte dann in Los Angeles Film. Den oscarprämierten Kurzfilm ›Wespen‹ (2003) drehte sie in ihrer Heimatstadt Dartford in Kent. Niemals trostlos, aber immer realistisch sind die Welten, in denen ihre Figuren fest verwurzelt sind: der Hochhauskomplex in ›Red Road‹ (2006), die Hochebenen Yorkshires in der Brontë-Adaption ›Sturmhöhe‹ (2011) und die amerikanischen Highways in ›American Honey‹ (2016) – der Kino-Sehnsuchtsort schlechthin und für die junge Protagonistin Star womöglich der Weg zu sich selbst. Sogar der Kuhstall in Arnolds erstem Dokumentarfilm ›Cow‹ (2021, in der Sektion PUSHING THE BOUNDARIES zu sehen) ist Ort eines ihrer intimen Porträts, die immer nach dem Raum für weibliche Perspektiven in der Welt fragen.

In der Tradition britischer Sozialdramen rückt Arnold diese sozialen Außenseiterinnen ins Scheinwerferlicht. Sie verwebt ihre Coming-of-Age-Storys mit Jugendkultur zwischen DJ Ötzi und Gangsta-Rap und macht sie so zu Zeitkapseln ihres eigenen pop-poetischen Sozialrealismus. Wie Mia tänzeln ihre Frauenfiguren auf der dünnen Linie zwischen Hoffnungslosigkeit und Selbstvertrauen. Sie nehmen jeden Funken Lebenslust gierig in sich auf, immer auf der Suche nach Handlungsspielraum. „Life’s a bitch and then you die“ dröhnt es aus Mias Ghettoblaster, und doch findet sie auf ihre Art den Absprung.

© Rankin

Masterclass Andrea Arnold
moderiert von Julia Teichmann
am Sonntag, den 14.11. um 14:15 Uhr im Stadthaus N1 (Ratssaal)
auf Englisch