Rede zur Preisverleihung / Finale 2019

von Dr. Michael Kötz

Meine Damen und Herren,

vor die Aufgabe gestellt, zum Schluss meiner langen Tätigkeit als Festivaldirektor die ultimative Rede zu halten, nach unzähligen anderen Reden, die ich in diesen 28 Jahren schon gehalten habe, an dieser Aufgabe scheitere ich jetzt. Also mache ich es kurz: Es war anstrengend aber schön. Ich hätte es auch ohne Bezahlung gemacht – wenn der reiche Onkel in Amerika aufgetaucht wäre. Ich habe es vermutlich ein bisschen selbstherrlich geleitet, aber das geht bei mir nicht anders. Ich weiß aber ganz genau, dass ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fast alles verdanke, schauen Sie mal in das kleine rote Buch! Dort sind sie alle abgelichtet! Allen voran einer Mitarbeiterin, die ich dereinst engagierte und die dann viel mehr wurde, nämlich meine Frau, mit der ich fünf gesunde fröhliche Kinder auf die Welt gebracht haben, sie hat sie natürlich vor allem auf die Welt gebracht: Daniela Kötz!

Ich will ergänzen, dass es einen jung hält, jährlich neue Newcomer zu entdecken. Dass man aber trotzdem älter wird. Dass das Schönste im Leben das Lernen ist, am besten aus eigenen Fehlern, von denen ich einen nennen will: die Arroganz des Avantgardismus. 

Ich sage das so krass, weil ich ihr selber verfallen war, der Satiriker Bernstein hat es am schönsten gesagt: Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Von dieser Arroganz des Avantgardismus werde ich also doch sprechen, wenn auch ebenfalls in aller Kürze,

Meine vielen Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und ich, wir haben dieses Filmfestival für die Menschen gemacht all die Jahre. Damals, vor einem Vierteljahrhundert als ich anfing, da habe ich zunächst vor allem darauf gesetzt, möglichst gewagte, ästhetisch avancierte oder experimentelle Filme junger Kinokünstler zu zeigen. Aber schon bald ist daraus, ich möchte fast sagen: heimlich, unter der Hand, so, dass ich es erst nachträglich, Jahre später überhaupt selber gemerkt habe – heimlich also ist daraus eine andere Grundhaltung, ein anderes Hauptinteresse geworden. Mehr und mehr wollte ich, dass sogenannte normale Menschen, und das heißt solche, die sich einfach nur interessante Geschichten erzählen lassen wollen in unseren Festivalkinos, dass diese Menschen neue Erfahrungen machen, dass sie lernen, worin das eigentliche Abenteuer der Filmkunst besteht: nämlich darin, dass man auch verstehen kann, was man zunächst nicht verstehen will – und zwar deshalb nicht, weil die Art des Erzählens so wenig vertraut, so ungewöhnlich ist. Warum bleibt man dennoch dabei, wenn man kein Cineast ist, kein Spezialist ist, der sowieso das Abweichende sucht? Weil einen das Thema fasziniert, weil der Gehalt der Geschichte, das Motiv, warum sie erzählt wird, das Motiv der Autorinnen und Autoren, so spannend und bedeutsam erscheint, dass man dranbleibt. Deshalb und nur deshalb gehe ich als normale Zuschauerin, normaler Zuschauer auf einen Film ein. Fände ich das Thema des Films nicht wichtig, belanglos, ohne Substanz für mich, dann wäre ich nie bereit, es mir auch auf eine neue Weise erzählen zu lassen. Es sei denn, wie gesagt, ich bin ohnehin abonniert auf das Besondere, das Ungewöhnliche und erfreue mich daran, dass  ich zu den Auserwählten gehöre, die mit so etwas ja überhaupt kein Problem haben. Sie merken schon, meine Damen und Herren – ich mag die nicht. Wie gesagt: auch mich selber nachträglich. Sie sind mir zu eitel und zu selbstbezogen. Und um dies zu verstehen, an mir selbst zu verstehen, musste ich nur irgendwann anfangen, ehrlich mit mir selber zu sein. Ich musste mich nur eines schönen Tages fragen, ob ich diesen oder jenen Film, den ich unbedingt zeigen möchte, ob ich den eigentlich selber gern noch ein zweites Mal sehen würde. Da gab es erschreckende Antworten, nach innen natürlich, nur im stillen Kämmerlein mit mir selbst. Da zerfiel so mancher Film, dessen Thema im Wesentlichen er selbst war, weil es der Künstlerin, dem Künstler um sich selbst ging und sonst nicht viel anderes, der zerfiel in völlige Bedeutungslosigkeit – bei gleichzeitig faszinierendem Formspiel. Stell dir doch mal vor, hab ich irgendwann gedacht, du wärst dein eigener Festivalbesucher. Würde dich das glücklich machen? Oder nicht im Gegenteil vollkommen kalt lassen, so dass du auch jederzeit aufhören könntest, dir das anzuschauen? Das sind die Filme, die ich seit, sagen wir 10, vielleicht auch 15 Jahren auf diesem Festival nicht mehr gezeigt habe. Und dabei musste ich mich nicht nur über manchen Vorschlag meiner Mitsichter hinwegsetzen, mir war auch stets klar, dass andere Filmfestivals sich dererlei Probleme selten bis nie machen und manch einer der Fachleute mich jetzt für irgendwie langweilig, wenn nicht gar feige erklären wird. Sollen sie doch, dachte ich. Es ging nicht mehr anders. Ich wäre mir unredlich vorgekommen, wie ein Betrüger an meinem Publikum. Dies wiederum wurde zu meinem größten Zeugen, das ich Recht habe. Es ist als das „Wunder von Mannheim-Heidelberg“ bezeichnet worden, dass wir es geschafft haben, dass rund 40.000 Menschen ein Ticket kaufen, um in vollkommen unbekannte Filme zu gehen, in Filme von Regisseurinnen und Regisseuren, von denen sie noch nie etwas gehört haben können, in Filme, die zu 99 Prozent keine Filmstars aufweisen, in Filme, die obendrein noch oft aus merkwürdigen Ländern kommen, in Anführungszeichen natürlich merkwürdig, sagen wir wie Bulgarien oder der Slowakei oder Peru – um ein paar beliebige Beispiele zu nennen, die aber ganz sicher eines gemeinsam haben: Filmländer sind sie nicht, kommerziell relevante Kinoumsätze oder Fernseheinschaltquoten machen Filmwerke aus solchen Ländern gewöhnlich nicht. Trotzdem sind die Menschen aus der ganzen Region zu uns gekommen, 40, manchmal 50.000 pro Festivalausgabe, also weit über eine Million Besucher im Verlauf der 28 Jahre, und zu zwei Drittel wurden sie Stammkunden: Menschen, die vermutlich auch gekommen wären, wenn sie vorher gar nichts gewusst hätten über die Filme, die wir ihnen präsentieren, viel ist es mit den wenigen Zeilen Text im Programmheft ohnehin nicht. Diese Treue des Publikums war und ist bis heute meine Belohnung, meine Bestätigung für die Strategie der Programmauswahl, in der ich mir bei jedem einzelnen Film die Frage gestellt habe, ob er mein Publikum weiterbringt,  weiterbringt im Sinne einer möglichst hohen Intensität der Erfahrung, Wahrhaftigkeit des Erzählten, auch Menschlichkeit. In der Folge erfreuten wir uns über viele Jahre hinweg einer hohen und tief verbundenen Loyalität unseres Publikums. Und für diese Verbundenheit will ich mich heute bedanken. Aber wie macht man das, wenn man nicht 40.000 Mal die Hand schütteln kann? 

Wir ersetzen im letzten Jahr unserer Verantwortung für das „Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg“ die Fachjury durch unser Publikum. Wir lassen die Zuschauerinnen und Zuschauer, die Besucherinnen und Besucher, nein, ich nenne sie die Mitwirkenden im Kinosessel, wir lassen sie allein entscheiden, wer in diesem Jahr die Hauptpreise des Festivals gewinnt.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und verabschiede mich – auf ein

fröhliches Wiedersehen, in seinem zweifachen Sinn: einmal gar nicht wörtlich, im Sinne von: wir sind dann mal weg, auch nach 28 Jahren kann man weg sein, auch wenn man es sich selber kaum vorstellen kann - und im anderen Sinne „Auf Wiedersehen“, nämlich wörtlich, nämlich, wenn Sie mögen, drüben beim „Festival des deutschen Films“ in Ludwigshafen, denn dort machen wir mit großer Energie und vor allem mit genau derselben Grundhaltung weiter. Auf Wiedersehen also!

Die Eröffnungsrede 2019

von Dr. Michael Kötz

Meine Damen und Herren,

ich begrüße Sie zur Eröffnung des 68. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg.

68, meine Damen und Herren, 68 Jahre - so alt ist diese Veranstaltung! 

Und wenn Sie sich jetzt mal kurz an Ihren Urlaub vor sieben Jahren erinnern, also 2012, was ja sozusagen neulich war, dann wissen Sie wie nah damals das Jahr 1945 gewesen sein muss. Zwischen den Trümmern des Krieges, den Kopf voller Toten und voller Tragödien, gründet ein Mann namens Kurt Joachim Fischer im Jahre 1952 die Mannheimer Dokumentar- und Kurzfilmwochen. Ich finde, das ist überhaupt das Erstaunlichste an der ganzen langen Geschichte von 68 Jahren: zwischen diesen Trümmern ein Filmfestival zu gründen. Im Laufe von neun Jahren macht Kurt Joachim Fischer das neue Festival europaweit bekannt. Eine reife Leistung. Dann hat er sich am Ende der 50er Jahre mit der Politik gestritten. ich glaube, er hatte er den Mannheimern gesagt, ihr Nationaltheater sei nicht unbedingt wichtiger als das Filmfestival... 

1961 jedenfalls folgt ihm Walter Talmon-Gros, 13 Jahre lang leitet dieser klassisch gebildete, frankophile Herr nun das Filmfestival, das sich jetzt dennoch dem neuen Autorenfilm Europas widmet, der in den 60er Jahren ja im Grunde nacheinander alle Filmfestivals erobert hat. Dann folgt der dritte Abschnitt. Von 1974 bis 1991, also 18 Jahre lang, übernimmt eine resolute Dame namens Fee Vaillant die Regie, gelernte Fotografin, macht das Festival zu einem Fenster nach Osten, für die Kinematografie des Ostblocks also, aber auch nach Afrika und Lateinamerika in die damals so genannte Dritte Welt. 

1992 folge ich ihr. Das war vor 28 Jahren. Als Filmwissenschaftler und Journalist des Feuilletons, der ich bis dahin war, bemühte ich mich jetzt eifrig darum, dem Publikum von Mannheim und dann seit 1995 auch Heidelberg zu zeigen, wie avantgardistisch, wie gewagt und fremdartig Filme sein können. Es hat mich beflügelt, zu beweisen, dass die siebte Kunst des Kinos nicht nur dafür da ist, dass die Besucher sich zwei schöne aber folgenlose Stunden machen, in denen sie dabei zusehen, wie schöne Menschen schöne Dinge tun, „Bigger than life“, wie dies in Hollywood hieß, wo es bis heute darum geht, dass das eigene Leben im Kino um ein Vielfaches übertroffen wird, alles viel reicher und glamouröser ist, für das Sich-Wegträumen in eine schönere Welt oder eine wo richtige Männer vor lauter Stärke und Selbstvertrauen weder Tod noch Teufel fürchten. Heute dürfen auch Frauen solche Heldinnen sein. Herzlichen Glückwunsch! Das Festival von Mannheim-Heidelberg hat da nicht mitgemacht. Es hat nur solche Filmwerke präsentiert, die von wirklichen Autorinnen und Autoren gemacht waren, Filmwerke, in denen sich die Handschrift einer Künstlerin, eines Künstlers findet, Filme ohne die normierte Erzählweise des kommerziellen Kinos, bei dem jeder stets auf Anhieb und problemlos alles zu verstehen glaubt. Das bedeutet, dass auch die Geschichten nicht normiert sind, dass sie persönlich, individuell, authentisch und ehrlich sind, gemacht für den Dialog mit einer Zuschauerin, einem Zuschauer, der ebenso selbstständig denkt und fühlt wie die Künstler und den man als Gesprächspartner versteht. Jahrelang hatte ich nicht den geringsten Zweifel an der Richtigkeit dieses Konzeptes. Und damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich glaube auch heute noch daran, dass man dem Publikum viel zu wenig zutraut – bei den Fernsehredaktionen von ARD und ZDF, bei dem, was man glaubt in Deutschland an Filmtypen fürs Kino fördern zu müssen und auch bei dem Großteil der Serien, die heute entstehen, wo zwar die Inhalte etwas gewagter sind, aber fast nie die Form. Und die Form, meine Damen und Herren, die Form ist in der Kunst der eigentliche Inhalt. 

Erst die Form macht das Erlebnis, die Ästhetik also. Die Art des Erzählens, die Sprache der Bilder, der Rhythmen, die Musikalität der Montage – all dies ist entweder ein Erlebnis, weil es eben nicht auf Anhieb verstanden und eingeordnet werden kann oder es ist kein Erlebnis, sondern so eine Art Bestätigungsritual. Denn im Film ist die Form wirklich alles. Ich beweise es Ihnen mit einem Vergleich. Filme zu sehen, das ist der Welt unserer privaten Träume sehr nah und verwandt. Auch in eigenen Träumen ist es stets die Gestimmtheit, die Atmosphäre, die die Qualität der Träume ausmacht, nicht die Story. Die ist so unwichtig, dass man sie nicht einmal erzählen kann. Die Atmo ist das entscheidende – im Traum und im Kino eben auch, die Ästhetik also. 

Trotzdem ist mir etwas klar geworden in den letzten meiner 28 Jahre des Regieführens bei diesem Filmfestival. Mir ist klar geworden, dass man seinem Publikum auch etwas geben muss, wenn man etwas von ihm verlangt, dass dies eine sehr wechselseitige Angelegenheit, bestimmt von gegenseitigem Vertrauen sein muss. Denn wenn ich als Zuschauer, als Zuschauerin, bereit bin, mich auch irritieren zu lassen, ästhetisch irritieren zu lassen, bereit bin, mich auf unbekanntes Gebiet zu begeben, dann muss ich im Gegenzug erwarten dürfen, dass die Programmauswahl mit einem gewissen Verantwortungsgefühl geschieht, mit hoher Sorgfalt, vor allem aber mit einer hohen persönlichen Ehrlichkeit der Festivalmacher. Sie dürfen nicht mogeln und sie dürfen es sich nicht zu leicht machen. 

Nicht mogeln, weil sie Filmwerke durchlassen, die von zweifelhafter Qualität aber von guten Freunden gemacht wurden oder die in aller Munde sind und bestimmt für volle Kinos sorgen. Und zum anderen: es sich nicht zu leicht machen, nämlich indem man als Programmentscheider einfach darüber hinweggeht, dass man den Film eigentlich selber gar nicht mag, diesen Film, wenn man ehrlich ist zu sich selbst, freiwillig kein zweites Mal ansehen würde. Das geht gar nicht, meine Damen und Herren. Denn dann verlangt man von seinem Publikum etwas, das man selber nicht leisten will, beruft sich auf angebliche Qualitäten, die eben nur theoretisch vorhanden sind, mogelt also, trickst und täuscht sein Publikum. Und die merken das! Sie bemerken eine Unehrlichkeit und fühlen sich nicht ernst genommen. 

Ein Filmfestival muss im Gegenteil nicht nur bei den Filmen, sondern eben auch insgesamt, in seinem gesamten Programm, dafür sorgen, dass die Sache ehrlich ist, authentisch, sagen wir es ruhig altfränkisch: dass sie wahrhaftig ist. Dann entsteht Vertrauen, das über Jahre hinweg zu halten vermag. Und das, meine Damen und Herren, das ist mir schon seit einiger Zeit das Wichtigste geworden: ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen Ihnen, dem Publikum, und uns, den Machern. Dazu gehörte es auch, für Treffpunkte zu sorgen, Räume zu schaffen dafür, dass Sie als Besucherinnen und Besucher sowohl mit den Künstlern wie untereinander ins Gespräch kommen können. Denn dass dieses Festival auch ein Ort der Begegnung sein soll, nicht nur zum Filmesehen da ist, sondern auch zum Austausch darüber, dies war uns all die Jahre so wichtig, dass wir in Heidelberg schließlich in Zelte gezogen sind, weil geeignete Häuser nicht existieren und in Mannheim das Stadthaus zum Festivalhaus gemacht haben. Dies, meine Damen und Herren, so viel kann ich Ihnen verraten, wird sich ändern ab nächstem Jahr. Das Filmfestival will und wird ganz bewusst zurück in die normalen Kinos ziehen. Wenn Sie, meine Damen und Herren, so viel Werbung sei mir gestattet, im kommenden Jahr Ihre Zelte in Heidelberg vermissen, dann müssen Sie ihre Stadtgrenzen überschreiten - was der Heidelberger ungern tut, es sei denn es geht nach Lateinamerika - nämlich uns auf der schönen Parkinsel in Ludwigshafen besuchen, dem anderen Filmfestival der Region, das wir weiterhin machen werden.