Laudationes

Eröffnungsrede 2017

Das Eigene & das Fremde

 

Willkommen zum Filmfestival 2017, dem Festival mit der 66-jährigen Geschichte. Sie sind zu Gast bei etwas, das einmal in den 50er Jahren die „Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche“ hieß und damals, noch ganz heimatverbunden vor allem die Inländer im Blick hatte, die Deutschen selbst. Weil denen dringend nach dem Ende von Nazi-Deutschland der kulturelle Horizont erweitert werden sollte. Mit Beginn der 60er Jahre hielt dann die große Welt Einzug in das damals noch kleine Festival und es wurden eifrig die Fahnen anderer Länder gehisst, darunter immerhin Länder, die 20 Jahre früher noch Todfeinde waren – und man verkündete stolz, sich nun mit dieser neuen Offenheit „Internationale Filmwoche Mannheim“ zu nennen. Bei dieser Internationalität ist es geblieben. Das Wort Filmwoche wurde modernisiert mit dem Begriff Filmfestival und das Ganze vor 23 Jahren erweitert auf die Nachbarstadt, weshalb es „Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg“ heißt, ganz selbstverständlich und fraglos international.

Das Eigene und das Fremde. Wer jünger ist, der hatte sich längst daran gewöhnt, dass dies gar kein Thema mehr ist. Die Welt ist offen und wir sind sowieso international. Aber dann kam da etwas dazwischen. Aus der schläfrigen Zufriedenheit der Bürger eines Landes, das davon lebt, dass überall auf der Welt „Made in Germany“ verkauft werden kann und in dem zumindest die Elite mit einem Begriff wie Fremdenfeindlichkeit nichts anfangen kann, aus dieser schönen Lage wurde über Nacht eine bewegte und sich bewegende Angelegenheit. Wenn es zu den Zeiten, als dieses Filmfestival noch Filmwoche hieß und festlich stolz die ausländischen Fahnen wehen ließ, während die Menschen kaum selber je im Ausland gewesen waren, wenn es damals noch richtige Konservative gab, die noch vom Vaterland sprachen und fanden, dass junge Männer natürlich mal beim Militär gewesen sein müssen und Frauen eben Frauen seien, so ist dies im Verlauf der letzten Jahrzehnte einem Grundgefühl des „Anything Goes“ gewichen, einer Art liberaler Sanftmütigkeit. Bis die Flüchtlinge kamen und damit die Möglichkeit im Raum stand, dass jene dort unten, wo es nicht so nett und sanftmütig zugeht, eventuell auch in einer stattlichen Anzahl kommen und uns die berühmte Butter vom Brot nehmen könnten. Da hat sich mancher zum allerersten Mal gefragt, ob er auch wirklich so liberal und sanftmütig ist, wie er oder sie immer dachte. Einige haben trotzig „Ja, bin ich!“ gerufen und sind den Fremden entgegengeeilt, um ihnen tatkräftig zu helfen, getreu des Satzes der Kanzlerin „Wir schaffen das“. Andere haben Angst bekommen und dann dafür gesorgt, dass ihre Vertreter jetzt im Bundestag sitzen. Und die Mehrheit? Wie geht es der damit? Sie schweigt. Und das ist verdächtig. Oder produktiv.

Jedenfalls erzählt dieses Schweigen der Mehrheit davon, dass ein Nachdenken eingesetzt hat, dem noch die Worte fehlen, um es miteinander zu besprechen. Ein Nachdenken darüber, was mit unserer Welt eigentlich passiert ist in den letzten Jahren einer gigantisch jeden Tag weiter wachsenden Internationalität in Form der ökonomischen Globalität, und ob diese Entwicklung von uns wirklich gewollt wurde, oder sagen wir gewollt werden kann, auch tatsächlich gelebt werden kann. Wie wichtig ist also umgekehrt eigentlich Heimat? Stichwort „Unabhängigkeit der Katalanen“. Wie viel Fremdes vertragen wir, ohne dass es uns Angst macht? Stichwort „Beinahe hat Le Pen in Frankreich gewonnen“ und Monat für Monat siegen überall neue Konservative bei nationalen oder regionalen Wahlen in Europa.

 

Vor diesem Hintergrund und im Netz dieser Fragestellungen sehe ich ein internationales Filmfestival wie dieses. Denn längst wäre es absurd und eine Lachnummer, wenn wir noch stolz die Nationalfahnen der Film-Herkunftsländer unseres Programms aufziehen würden. Ja, wir bemerken es ja kaum noch, wie viele Länder beim Filmfestival vertreten sind, wir zählen sie gar nicht mehr, es kümmert uns kaum. Es steigert auch nicht den Wert dieser Veranstaltung, dass es über 30 Länder sind, die da vorkommen. Wir achten da nicht so drauf, wir schauen einfach nach, ob uns das Thema oder der Stil eines Filmes interessiert. Wenn dann zum Beispiel im Programmheft steht, der Film sei ziemlich langsam erzählt, habe diese typische, märchenhaft-moralische Erzählform Indiens, die uns irgendwie naiv erscheint und oft auch langweilig, weil alles viel zu sehr in die Länge gezogen wird und die vertraute Form der dramatischen Zuspitzungen fehlt. Ja, dann gehen wir halt in diesen Film nicht. Aber nicht, weil wir etwas gegen Indien hätten. Absolut nicht. Wir versprechen uns einfach kein rechtes Vergnügen davon. Und ob ich jetzt wirklich sehen will, wie die philippinischen Ureinwohner im Regenwald nach Wildschweinen jagen und sonst passiert auch nicht viel, und dafür 9,50 € zahlen – ich weiß nicht. Lass uns lieber diesen Film von dem Mann auf dem Boot anschauen mit seiner dramatischen Reise zu sich selbst. Das interessiert mich mehr. Es interessiert mich mehr, weil ich dieser Mann auf dem Boot selbst sein könnte. Es interessiert mich mehr, weil es nicht so fremd ist. Das ist auch der Grund, warum viele es als störend empfinden, wenn sie die Dialoge nicht verstehen, weil man nicht deutsch spricht in diesen Filmen aus anderen Ländern, wir aber die Synchronisierung ins Deutsche über Jahrzehnte gewohnt sind. Nur ist es eine ganz schreckliche Gewohnheit. Sie nimmt jedem nicht-deutschen Film die Hälfte dessen, was ihn ausmacht. Wirklich jedem. Aber es gefällt uns. Weshalb ich das jetzt mal übertragen darf. Denn wenn die fremden Filme so schön ins Deutsche synchronisiert sind, ist das dann nicht so, wie wenn dieser fließend deutsch sprechende Auslandsfilm, um es übertragen zu sagen, quasi schon den zweijährigen Einbürgerungssprachkurs absolviert hat und man merkt gar nicht mehr, wo er herkommt? Und nicht nur das. Suchen wir uns nicht sozusagen strikt heimatorientiert, gezielt vor allem die Filme aus, die uns vertraut vorkommen? Weil sie eine Erzählstruktur, eine Erzählweise, eine filmische Ästhetik haben, die aus Europa kommt und von den USA weltweit verbreitet wurde und alle anderen Erzählweisen des Kinos nahezu ausgerottet hat. Weshalb sie für die meisten Menschen einfach nur „ein richtiger Spielfilm“ ist, so mit Einleitung, Hauptteil, Schluss, einem Helden und einem Gegenspieler, Klarstellung des Konflikts in der 10. Minute und finaler Auflösung in der 85... Alle anderen Erzählweisen haben es schwer bei uns und in den anderen Industrieländern auch. Sie gelten als „zu speziell“. In Wahrheit sind sie aber nur so, wie sie sein wollen, dort, im Land, in dem sie entstanden sind und dessen Kultur sie nicht verraten wollen. Aber gegenüber dem Mainstream des sogenannten richtigen Kinos sind sie – ich sprech es jetzt mal aus – „Ausländer“! Fremdlinge, ganz merkwürdige Gesellen. Und so fühlen wir uns – so als gebildete Elite – zwar haushoch erhaben über all jene, die etwas gegen Ausländer haben, mögen sie aber selber nicht, nur merken wir das nicht so genau. Wobei das jetzt kein moralischer Appell werden soll, sich gezielt die Filme anzuschauen, die wie Fremdlinge aussehen und die man eigentlich gar keine Lust hat, anzuschauen. Das wäre ein schrecklicher Appell. Nein, ich will etwas Anderes. Ich möchte, dass Sie das weite Spektrum an internationalen Filmen dieses Festivals wie ein Erfahrungsfeld benützen. Dass Sie spazierengehen in den Möglichkeiten und Varianten, dass Sie neugierig werden auf Filmkunstwerke, die Ihnen zunächst nicht so zugänglich erscheinen, dass Sie sich auf sie einlassen, wie man so sagt. Und dann doch manchmal erleben, wie schön es ist, etwas zu erfahren, dass man noch nicht gewusst hat, bisher noch nicht hat schätzen oder einschätzen können. Das Erfahrungsfeld „Internationales Filmfestival“ wäre dann zugleich auch ein Feld der Selbsterfahrung – nämlich darüber, wie wichtig es einem in Wahrheit ist, sich auszukennen, kulturell auszukennen. Wie sehr wir davon abhängig sind, die Bausteine der Kommunikation auch zu beherrschen, viel mehr, als wir dachten – wie wichtig also das ist, was man früher Heimat nannte. Und im Gegenzug, wie eindrucksvoll es sein kann, auch ästhetisch in der Fremde zu landen, wirklich dort zu landen, deutlich verwirrender als beim „All Inclusive Flug“ in die Fremde, nämlich den Boden verlierend, auf dem man sich so gut auskennt. Nach dieser Reise in fremde Kulturen für schlappe 9,50 € pro Land wissen Sie etwas, was man selten bedenkt in all den politischen Debatten um das Eindringen von Fremden – Sie wissen, dass es sowohl falsch ist, das Fremde einfach abzuwehren als es zugleich falsch ist, es einfach bedingungslos zuzulassen, Sie wissen aus eigener intimer Erfahrung und wenn Sie ehrlich sind zu sich selbst, dass man das Fremde immer nur dann ertragen kann, wenn man das Eigene behalten darf.

Und falls Sie mein Grußwort jetzt irgendwie anstrengend fanden, dann sage ich Ihnen, dass auch das eine lange Tradition hat, wobei meine Vorgängerin vor über einem Viertel Jahrhundert es deutlich kürzer gemacht hat mit ihrem Lieblingssatz: Wir sind ja nicht nur zum Spaß hier!

(Dr. Michael Kötz, Festivaldirektor)

In diesem Sinne begrüße ich Sie, meine Damen und Herren – und wünsche Ihnen in den kommenden Tagen dieser 66. Ausgabe sowohl Spaß wie ein paar neue Wahrheiten zugleich!

Master of Cinema Award

12. November 2017

Laudatio von Dr. Michael Kötz

Gehen wir zurück in die 50er Jahre. Wir treffen einen noch ziemlich jungen Mann, der als Radioreporter arbeitet, der aber Regisseur werden möchte fürs Theater oder für den Film und deshalb dafür ein Studium beginnt. 1961 legt er seinen Diplomfilm mit dem Titel „Konzert“ vor und es heißt, dieser erste Film habe bereits für Aufmerksamkeit gesorgt. Der junge Mann realisiert weitere Kurzfilme, die sogar schon erste Preise gewinnen. Aber sein Spielfilmdebüt heißt „Das Alter der Träumereien“ und das hat 1964 Premiere auf den Filmfestivals von Locarno und – auf der „Internationalen Filmwoche Mannheim“, dem Vorläufer dieses Festivals. Er hatte bei diesem Film auch das Drehbuch geschrieben, so wie später fast immer, und er hatte ein erstes ästhetisches Thema gefunden: die Verwebung von Traum und Wirklichkeit. Treffsicher von Anfang an, möchte ich sagen, denn wenn etwas dem Wesen der Filmkunst sehr nah ist, dann das, was wir alle kennen: das Träumen, das Träumen mit gelegentlichem Aufwachen vielleicht, damit die Realität ab und zu auch mal zum Zuge kommen kann. Aber nicht zuviel, denn dann wird es nichts mit der Filmkunst.

 

István Szabó meinte damals mit dem Titel „Alter der Träumereien“ aber eher die Jugend, seine Jugend und die seiner Freunde damals. Denn es herrschte Aufbruchsstimmung und die Jugend rebellierte, wenn auch nicht wie dann in den 60ern im Westen, sondern heimlicher, innerlich und verdeckt, deshalb aber keineswegs weniger. Denn ich vergaß zu sagen, wo wir sind: in Ungarn sind wir, in einem Ungarn, das im Oktober 1956, also wenige Jahre zuvor, einen Volksaufstand hatte und euphorisch für einige Monate sich gegen die russischen Besatzer auflehnte, bis die Sowjets dann Anfang 1957 alles hinrichteten oder einsperrten, was sie kriegen konnten, um diese sogenannte Konterrevolution blutig zu beenden und in den darauf folgenden 30 Jahren für die bekannte Ruhe zu sorgen im Ostblock.

 

Was machen da die jungen Kinokünstler? Sie machen weiter mit ihrer neuen ungarischen Filmwelle, analog zur Nouvelle Vague Frankreichs oder dem Neuen Deutschen Film der 60er und 70er Jahre. István Szabó wird einer ihrer berühmtesten Vertreter. Schon als Schüler hatte der Sohn einer wohlhabenden jüdischen Arztfamilie beim Radio gearbeitet und schon als er 18 Jahre alt war, wollte er auf die neu gegründete Filmakademie in Budapest. Zehn haben sie damals genommen und 1.000 hatten sich beworben. Und es gab, wie erwähnt, auch gleich Preise, sogar im Ausland, für seine ersten Kurzfilme. Wer so viel Ehrgeiz hat und auch Glück, der weckt die Aufmerksamkeit der Machthaber, die nach der Niederschlagung des Volksaufstandes alles tun, um besonders diese jungen Akademiker in den Griff zu kriegen. Als vor einigen Jahren bekannt wird, dass István Szabó damals als 20-jähriger dem Geheimdienst Auskünfte gegeben habe, versucht er sich damit zu rechtfertigen, dass er dabei aber auch Kommilitonen hat helfen können, um dann doch einzuräumen, er habe nicht anders gekonnt. Und Szabós damaliger Freund und Kollege Zsolt Kézdi-Kovács berichtet, wie er und Szabó verhaftet worden seien, verhört, bedroht und geschlagen und wie auch er schließlich unterschrieben habe.

Womit wir mitten drin im Lebensthema unseres Preisträgers sind. Denn damals hat es begonnen, dass aus dem „Zeitalter der Träumereien“, dem spielerischen Umgang mit den neuen Ideen der Jugend, dass daraus ein tiefer Ernst wurde, der tiefe Ernst der Frage nach dem wirklichen Spielraum der Künstler in Zeiten der Diktatur, nach dem grundsätzlichen Verhältnis der Politik zur Kunst, nach der Freiheit der Kunst und nach der Ohnmacht der Künstler, sei es aus Feigheit, sei es aus Selbstliebe, sei es aus Realitätssinn. István Szabó weiß buchstäblich und intim, von was er da sein Leben lang erzählt – in späteren Filmwerken, die zum Kanon der Weltliteratur des Kinos gehören werden. Und so sagt er dem Journalisten, der alles wissen will über seine damaligen, eigenen Verstrickungen in die Macht „Alles, was ich dazu sagen möchte, habe ich in meinen Filmen gesagt.“

Und das nicht nur in jenen Filmen, die ihn weltberühmt machen werden. Auch schon 1966, selber noch ein junger Mann, befasst sich Szabó in seinem Film „Vater“ mit den seelischen Deformationen eines jungen Mannes in der Diktatur, erzählt die Geschichte im steten Wechsel von Wirklichkeit und Traum, und erhält 1967 dafür einen Hauptpreis, ironischerweise auf dem Filmfestival von Moskau, mitten im Zentrum der Macht. Nein, gar nicht ironischerweise, denn natürlich haben dort die Jury und die Kollegen gleich verstanden, dass ihnen hier einer aus der Seele spricht, aus der sie selbst nicht laut sprechen dürfen.

 

Nach einem Film mit dem Titel „Feuerwehrgasse 25“ und anderen, präsentiert István Szabó dann 1977, also zehn Jahre später, sein Werk „Budapester Legenden“ tief im Westen, im Zentrum der Freiheit der Filmkunst, im Wettbewerb von Cannes. Er hat es geschafft. Und auch in diesem Film erzählt Szabó über seinen Hauptdarsteller indirekt von sich selbst, erzählt von seinen Landsleuten, die 1945 einen verlassenen Straßenbahnwagen nicht nur zu ihrem Zuhause machen, sondern auch zum Symbol ihrer Hoffnung auf ein neues, anderes Leben. „Pathetisch“ sei der Film gewesen, heißt es, „herzzerreißend, bewegend und schauerlich“. Und noch etwas war dieser Film: nämlich fast der letzte Film, den István Szabó nur für und im eigenen Land gedreht hat. Denn 1980 ist das Jahr, in dem er endgültig auf dem internationalen Parkett erscheint, und das so sehr, dass man sich oft regulär daran erinnern musste, dass der Mann aus Ungarn ist und auch dort lebt. „Der grüne Vogel“ nämlich, Regie István Szabó, gilt als, Zitat, „deutscher Spielfilm aus dem Jahr 1980“. Er erzählt von einer deutschen Krebsforscherin, gespielt von Hannelore Elsner, die auf einem Kongress in Wien einen polnischen Kollegen kennenlernt, den ungarischen Schauspieler Péter Andorai, womit eine Liebesgeschichte beginnt, die gar nicht stattfinden kann, weil es den Eisernen Vorhang gibt, der beide trennt. Ein Melodram über den Kalten Krieg, gedreht in Deutschland, Frankreich und Polen.

 

Und während der Film in Deutschland in den Kinos läuft, sitzt Szabó daheim am Schreibtisch und arbeitet an etwas Neuem. Er schreibt am Drehbuch zu einem Film, der eine deutsch-österreichisch-ungarische Koproduktion werden wird, basierend auf dem Roman von Klaus Mann und zugleich basierend auf der konkreten Lebensgeschichte von Gustaf Gründgens, schreibt an einem Film, der Szabós Thema des Schicksals von Menschen in Dikaturen diesmal klug an jenes Rätsel andockt, das die ganze Welt damals wie heute noch beschäftigt, das Rätsel nämlich, wie das deutsche Volk so gründlich zum Verehrer von Adolf Hitler werden konnte. Und eine zweite Komponente wird wichtig für den überragenden Erfolg, der auf Szabó mit diesem Film zukommen wird: der Hauptdarsteller, nach dem er ja damals noch suchen musste, wenn auch immerhin am Wiener Burgtheater, der aber noch gänzlich unentdeckt war in der Welt des Films. Er wird ihn zum Weltstar machen mit diesem Werk und sich selber als Regisseur auch. Als vor einem Jahr dieser Schauspieler in Frankfurt mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet wird, hält sein Regisseur von damals die Laudatio und der Schauspieler bekennt: „Du warst es, István, der mir das Ticket zum Film gelöst hat.“

Die Rede ist von einem Meisterwerk der Filmgeschichte mit dem Titel „Mephisto“. Im Mai 1981 läuft der Film im Wettbewerb von Cannes, gewinnt dort den Preis für das Beste Drehbuch und den Kritikerpreis der Fipresci. Und ein halbes Jahr später gewinnt er den ‚Oscar’ in Hollywood. István Szabó ist über Nacht ein Weltstar der Regie geworden – und Klaus Maria Brandauer ebenfalls. Denn nach dieser einen Rolle in „Mephisto“ wird Brandauer weltweit auf den Leinwänden als Bösewicht im „James Bond, Sag niemals nie“ erscheinen, dann neben Meryl Streep und Robert Redford in „Jenseits von Afrika“ auftreten und so weiter und so weiter.

Im Archiv finde ich die Notiz, am 1. Januar 1983 sei „Mephisto“ im Fernsehen der DDR ausgestrahlt worden, 30 Tage später dann um 20.15 Uhr in der ARD. Denn eine damals rare deutsch-deutsche Koproduktion war dieser Film auch. Erzählt wird die Geschichte eines exaltierten und eigentlich heimlich sehr unsicheren Menschen, der eitel und hochbegabt zugleich ist – und wenn man den Hauptdarsteller Brandauer kennt, wird man sich nicht wundern, wie gut er diesen Hendrik Höfgen spielen konnte. Ein Schauspieler, der die Nazis nicht mag und die Tochter aus gutem Hause heiratet, der aber trotzdem auch nach der Machtergreifung Hitlers weiter am Theater arbeiten darf, der den Titelgebenden Mephisto in Goethes Faust spielen darf, der in Kauf nimmt, dass seine Frau ohne ihn vor den Nazis flieht, weil er jetzt Intendant werden darf in Deutschland und sich am Ende wundert, wie das alles passieren konnte.

Wir sind mitten im Dilemma der Künstler in der Diktatur, Diktatur der Nazis dereinst – und doch sind wir heimlich, wenn wir an den Filmautor Szabó denken, eben zugleich auch in der Diktatur der Sowjets damals in den 60ern in Ungarn. István Szabó hat sich dieses Drehbuch buchstäblich von der Seele geschrieben. Weshalb „Mephisto“, Hollywoods ‚Oscar’ hin und ‚Oscar’ her, ein echter Triumph des Prinzips Autorenfilm war, der Wahrhaftigkeit des Anliegens, der Selbsterfahrung eines Themas. Zugleich bewies „Mephisto“ das überragende Können dieses damals 42-jährigen Regisseurs im Umgang mit Menschen, Umgang mit dem Menschlichen, mit der unergründlichen Tiefe des Charakters besonders jener, die zugleich Künstler sind und damit stets heillos verstrickt in das Netz aus Geltungsbedürfnis und Selbstliebe, aus Arroganz und Empfindsamkeit, Großspurigkeit und nahezu kindlicher Träumerei, großen Taten und schäbigen Motiven. In diesem Werk kommt alles zusammen, was István Szabó sich beigebracht hat – und kongenial dazu entdeckt er einen Schauspieler, der auf wundersame Weise jenes Netzwerk der Selbstverstrickung spielen kann wie kein anderer. Weshalb Szabó und Brandauer nahezu süchtig werden danach, diese schöne Zusammenarbeit möglichst lange fortzuführen. 1985 wird es „Oberst Redl“ geben, 1988 „Hanussen“. Und die ganze Welt war damals darauf gespannt, die Fortsetzung dieser kleinen Serie jener unglaublich intensiven Zusammenarbeit zu sehen, was vermutlich wie ein großer Druck auf den beiden lastete. „Oberst Redl“ heißt also ihr zweiter Film und wieder läuft er in Cannes, wieder wird er prämiert, diesmal mit einem Sonderpreis der Jury. Wieder auch ist er immerhin nominiert für den ‚Oscar’ und jetzt auch den ‚Golden Globe’. Diesmal spielt der Film im Ersten Weltkrieg und er erzählt von einem Aufsteiger im Militär, von Ehrgeiz zerfressen. Moral und Macht, Verrat und Ehrgeiz, und überhaupt all das, was autoritäre Systeme mit einem Menschen machen können, sind auch hier das Thema. Und mein alter Chef, der Filmkritiker Wolfram Schütte nennt Szabó einen „brillanten Traditionalisten des klassischen europäischen Erzählkinos“, der „den Charme des alten Kinos und seines Historienzaubers mit Eleganz und liebevollem Faible für atmosphärische Wirkungen zu handhaben weiß.“ Besser kann man es nicht sagen. István Szabó hatte neuerlich bewiesen, welch brillanter Erzähler allen Menschlichen er ist. Und drei Jahre später in „Hanussen“, der zwischen den zwei Weltkriegen spielt, wird Klaus Maria Brandauer zum dritten Mal für István Szabó die Hauptrolle verkörpern, hier den Wahrsager Erik Hanussen, der trotz seiner jüdischen Herkunft zum persönlichen Wahrsager Adolf Hitlers aufsteigt, um dann, weil er auch den Reichstagsbrand vorhersehen kann, von der SA ermordet zu werden. Auch dieser Film war in Cannes und für den ‚Oscar’ nominiert und den ‚Golden Globe’ – ging aber leer aus.

Wie geht es weiter mit István Szabó? Er bleibt beim Thema, aber er verlässt die historischen Zeiten von Ohnmacht und Diktatur. „Zauber der Venus“ 1991 erzählt von einem Stardirigenten, gespielt von Niels Arestrup, der für ganz Europa Wagners „Tannhäuser“ in 27 Ländern zugleich aufführen möchte, `wenn schon denn schon´, oder `Europa kann sich sowas doch leisten´, der aber auf der privaten Ebene schon eine relativ normale Liebesgeschichte, nämlich mit seinem Opernstar, gespielt von Glenn Close, nicht in den Griff kriegt. Nominiert für den ‚Goldenen Löwen’, lief dieser Film auf dem Filmfestival von Venedig. Ironisch kreist der Film um das Thema europäischer Kulturbetrieb, um Kunst und Politik, um den Zauber der Venus für diesen Mann, aber auch um die Frage, warum das alles, wozu und wofür man sich solchen Anstrengungen aussetzt als Künstler. István Szabó war nämlich 50 geworden.

Johanna ter Steege aus Holland wird im Jahr darauf seine nächste Hauptdarstellerin sein in einem rein ungarischen Spielfilm namens „Süße Emma, liebe Böbe“. Jetzt sind wir in Budapest nach dem Ende des Kalten Krieges und erzählt wird die Situation einer Russischlehrerin und ihrer Freundin nach der Wende in einem Budapest, das nun plötzlich nichts mehr mit seiner Geschichte zu tun haben will, und besonders nicht mit Personen, die russisch sprechen. Wieder werden Menschen zu Opfern der Politik und der Zeit, versuchen trotzdem ihr Glück zu finden, und plötzlich sind es nicht mehr die Ideologien, die ihnen zu schaffen machen, sondern die neue Welt einer raschen Umorientierung auf die neuen fröhlichen Freiheiten des Konsums, bei der nichts mehr an Früher erinnern soll. Im Wettbewerb der Berlinale lief dieser Film und gewann 1992 den ‚Silbernen Bären’.

 

Sieben Jahre später ist István Szabó zurück im internationalen Feld und präsentiert das Werk einer deutsch-österreichisch-ungarisch-kanadischen Koproduktion, gedreht in englisch, „The Taste of Sunshine“, „Ein Hauch von Sonnenschein“, mit dem britischen Schauspieler Ralph Fiennes in der Hauptrolle und einer Premiere auf dem Festival von Toronto. Der Film wird kurz darauf den Europäischen Filmpreis für den Besten Darsteller, die Beste Kamera und das Beste Drehbuch gewinnen. Man wird ihn mit Bertoluccis „1900“ oder mit Viscontis „Leopard“ vergleichen. Denn der Film erzählt die Geschichte einer Familie über 100 Jahre hinweg, von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, erzählt sie als einen Reigen der Ideologien und Verführungen, der Lebenswünsche und der Katastrophen und verzichtet darauf, dieses Bild der Welt und der Zeit all zu sehr mit den Augen eines einzelnen Protagonisten zu malen, entwirft eher eine Totale, ein Bild der Geschichte aus der Vogelperspektive.

 

2001 ist István Szabó wieder zurück bei der Konzentration auf eine zentrale Figur des Erzählens. Die Rede ist von „Taking Sides“, deutscher Titel „Der Fall Furtwängler“. Es ist eine Vier-Länder-Koproduktion und sie präsentiert Harvey Keitel in der Hauptrolle des Majors Arnold, den großartigen Stellan Skarsgård als Wilhelm Furtwängler, außerdem Moritz Bleibtreu, Ulrich Tukur, Armin Rode. Jetzt sind wir in der „Stunde Null“, also 1945 in Deutschland. Harvey Keitel spielt einen US-amerikanischen Kulturbanausen mit Obsession, einen mit der Entnazifizierung beauftragten Major, der sich nicht vorstellen kann, dass der Dirigent Furtwängler kein Nazi war, obwohl er in Nazi-Deutschland gearbeitet hat. Und Stellan Skarsgård ist Wilhelm Furtwängler, stoisch ein kultisch verehrter Künstler in der anderen Welt der Musik. Erstmals hatte Szabó hier nicht das Drehbuch selbst geschrieben, sondern der Brite Ronald Harwood, Autor des Broadway-Theaterstücks „Taking Sides“. Aber mit großer Intensität sorgt Szabó dafür, dass vor allem die beiden Kontrahenten dieses Zwei-Personen-Films trotz aller Rollen, die sie spielen, sie selber bleiben, nämlich unklar in ihren heimlichen Motiven. Das Rätsel dessen, was man Persönlichkeit nennt, ist das weitere Lebensthema von István Szabó. Und wenn alle auch stets Sieger lieben, besonders in der US-amerikanischen Kultur, wie Szabó bemerkt, dann sei er eben Mitteleuropäer, sagt Szabó, „und für mich haftet Europa immer noch etwas von einem lebenden Museum an, in dem lauter Verlierer herum stehen, unsere Helden“.

 

2004 sind wieder vier Länder beteiligt bei dem neuen Film „Being Julia“ nach dem Roman „Theater“ von Somerset Maugham mit der US-amerikanischen Schauspielerin Annette Bening in der Hauptrolle neben Jeremy Irons, „Alle lieben Julia“ ist der deutsche Titel dieses Beziehungsmelodrams der 30er Jahre, das doch in Wahrheit eine einzige Eloge auf die Kunst des Schauspielens ist, ein Prachtexemplar der Hochachtung vor dem Spiel jener, die immer etwas anderes sein sollen als sie sind und dabei immer die bleiben, als die sie sich in Wahrheit selber sehen. István Szabó präsentiert seine Leidenschaft für diesen Beruf und befreit sich zugleich ein bißchen von jener Last der Geschichte und der Geschichten vergeblicher Helden, die so viele seiner Filme bestimmt haben. Er spielt.

 

2012 dreht er dann „Hinter der Tür“, einen rein ungarischen Film, allerdings nicht, was die Finanzierung mit Geldern aus Deutschland betrifft. Martina Gedeck spielt die Hauptrolle neben Helen Mirren, zwei Schauspielerinnen also, aus England und aus Deutschland, die echte Meisterinnen ihres Berufes sind, wenn nicht Genies. Wir sind zurück in den 60er Jahren in Budapest. Die Schriftstellerin Magda Szabó, die nur zufällig den gleichen Namen trägt wie István und deren Autobiografie hier verfilmt wurde, trifft in diesem Film auf die ältere Emerenc, die ein mysteriöses Geheimnis in ihrer Wohnung nebenan verbirgt, womit aber doch eigentlich das gemeint ist, was wir alle als unser mysteriöses Geheimnis haben: unser Selbst. Aber dieses Selbst ist eben nie eine wirkliche Privatangelegenheit, heute nicht und damals nicht. Immer ist es die große Geschichte, die sogenannte Weltgeschichte, hier die von Ungarn als Teil der Sowjetunion, die entscheidet, was einer tut und tun kann. Wir sind wieder in den Jahren nach dem Volksaufstand von 1956. Die Schriftstellerin Magda Szabó darf wieder publizieren, ihre ältere Haushaltshilfe aber, so sagt man, habe eine dunkle Vergangenheit, habe vielleicht unschöne Dinge getan. Sagt man. Wo liegt die Wahrheit eines Menschen? Kein Mensch wird je erfahren, was hinter dieser Tür ist, dieser Tür zu mir selbst.

István Szabó zeigt mit diesem Film noch einmal die ganze Kunst seines Umkreisens des Einzelnen, des Einkreisens, des Eindringens in all die Facetten und Unklarheiten dessen, was man eine Persönlichkeit nennt. Denn das, so behaupte ich, fasziniert ihn am meisten, mehr noch als das, was ihn berühmt gemacht hat als Frage nach der Selbstbestimmung in Zeiten der Diktatur. Auch das ist ihm wichtig, aber noch wichtiger ist dieses Rätsel des Daseins dessen, was man Ich nennt und so sehr man sich bemüht, doch kaum zu erkennen vermag. István Szabó ist ein Meister des Nachfragens und einer, der es nicht mag, wenn dafür schon die Antworten vorbereitet sind. Menschsein heißt für István Szabó sich seiner selbst nie sicher zu sein. Weshalb István Szabó die Menschen vor allem dann liebt, wenn sie es nicht selber tun, aber gern tun würden. István Szabó malt sie dann, in allen Farben und Nuancen – und er malt sie mit den Mitteln des Kinos. István Szabó – wer, wenn nicht er – ist ein wirklicher Meister des Kinos geworden, und deshalb ist er unser „Master of Cinema 2017“!