Filmfestivals heute

Eine Bestandsaufnahme – auch für die Zukunft des Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg
von Dr. Michael Koetz

Lang ist es her

Wer vor 50 Jahren die neuesten Filme sehen wollte, der musste ins Kino gehen. Im Fernsehen kamen sie erst Jahre später und eine dritte Möglichkeit gab es nicht. Damit hatten auch die Filmfestivals eine einzigartige Bedeutung. Sie waren der Ort, an dem nagelneue Filmwerke das erste Mal das Licht der Leinwand erblickten und taxiert wurden. Sie wurden von der Filmkritik in ihrem künstlerischen Wert erfasst, denn seit den 60er Jahren galten Filme ja als Kunstwerke und nicht mehr nur als Unterhaltungsmaßnahmen. Dieses Taxieren durch die Presse hatte dann auch den schönen Nebeneffekt der Wertbildung fürs Geschäft. Nach der Premiere entschied der Produzent, welchem Filmverleiher er den Film in welchem Land zur Auswertung im Kino gibt und zu welchem Preis. Wenn dann ein neuer Film möglichst bald in die Kinos kam, konnte er noch wunderbar von der kostenlosen Werbung profitieren, die die Berichterstattung vom Filmfestival vor kurzem geschaffen hatte. Wobei ich da von den Festivals in Cannes spreche, Venedig, Berlin, Moskau, Karlsbad, Locarno, San Sebastian, Goa und Mar del Plata. Das waren sie, die großen internationalen Filmfestivals damals. Es gab noch ein paar weitere Filmfestivals in der Welt, die eher auf bestimmte Bereiche spezialisiert waren, beispielsweise in Deutschland: Oberhausen für Kurzfilme, Lübeck mit den Nordischen Filmtagen, Leipzig für Dokumentarfilme – und es gab das Festival von Mannheim schon. Seit 1952 nämlich, womit es das siebtälteste Filmfestival der Welt ist.

Und heute ist alles anders

Heute gibt es weltweit ein paar Tausend Filmfestivals, jeweils rund 100 in den reichen Industrienationen. Die explosionsartige Vermehrung der Filmfestivals, vorallem in allen wohlhabenden Ländern, ist ein sehr merkwürdiges Phänomen. Denn gleichzeitig geht ja der alltägliche Kinobesuch Jahr um Jahr zurück: bei den Jugendlichen, weil sie vermehrt vor dem Bildschirm Filme und Serien schauen, bei den klassischen Besuchern des Arthouse Kinos, weil sie es nicht mehr so attraktiv finden, in „ihr“ Kino zu gehen. Es gibt einen einfachen Grund dafür: man braucht das Kino nicht mehr, wenn man neue Filme sehen will, sie sind nicht nur im Fernsehen jetzt fast ohne Zeitverzögerung zu sehen, sie sind vor allem auch mühelos sofort im Netz verfügbar. Jeder Versuch, das Angebot an neuesten Filmen sozusagen künstlich zu verknappen, damit die Menschen weiterhin ins Kino kommen, ist zum Scheitern verurteilt. Die Kinos müssen sich etwas einfallen lassen, das sie attraktiv macht auch unabhängig vom Neuigkeitswert der Filme. Die vielen Filmfestivals machen es ihnen vor, auf dieses Festival und viele andere strömen die Menschen ja geradezu. Sie strömen für ein fast kultisches Ritual: sie feiern die Welt des Films, begrüßen deren Heldinnen und Helden, die Schauspieler, diskutieren die Kunst mit den Künstlern, vor allem aber genießt man die Gemeinsamkeit im großen Kinosaal, das Zusammenkommen in Zeiten zunehmender Vereinsamung durch das Internet, genießt es, dass man gemeinsam durch ein einziges großes Fenster hinaus oder hinein in die Welt sehen kann, begeistert und betroffen von dem, was man gemeinsam erleben kann.

 

 

Das berühmte Alleinstellungsmerkmal

Wenn man nicht zu den großen fünf Festivals der Welt gehört, (zu denen alle reisen, weil dort alle hinreisen), dann bedarf es einer klaren Spezialisierung, um im großen Meer der vielen Tausend Filmfestivals weltweit zumindest sichtbar oben mitzuschwimmen. Es bedarf eines ganz besonderen Grundes dafür, dass jemand ausgerechnet diesem Festival die Premiere seines neuesten Filmes gibt und dass jemand als vielbeschäftigter Profi ausgerechnet auf dieses Filmfestival zu reisen bereit ist. Im Falle des Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg ist dies seit Jahren die Spezialisierung auf Newcomer, auf erste Werke neuer hochbegabter KinokünstlerInnen, die weltweit recherchiert und intensiv ausgewählt werden, bis man sicher sein kann, ein wirklich hochkarätiges Programm neuer Filme vorzufinden. Vor fast 30 Jahren ist die Entscheidung gefallen, diese Zuspitzung des Profils zu riskieren. Seit dem gibt es beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg „Newcomers only“ – so konsequent, das selbst der Eröffnungsfilm ein Debütfilm ist. Damit verbunden ist der nahezu vollständige Verzicht auf große Namen, ob Regie oder SchauspielerInnen (die ja fast nie in Erstlingsfilmen auftauchen). Aber es hat dazu geführt, dass „Mannheim-Heidelberg“ weltweit in der Filmbranche für dieses „Newcomers only“ steht. Und noch etwas ist passiert, das nicht weniger erstaunlich und ohne Beispiel anderswo ist: das lokale Publikum kommt in Scharen in diese völlig unbekannten und namenlosen Filmwerke – und zwar mit 1.000 Zuschauern im Durchschnitt pro Film. Ein echter Erfolg der Vertrauensbildung durch ein geduldiges und konsequentes Kuratieren. Und ein Alleinstellungsmerkmal, das dazu passt, das immerhin siebtälteste Filmfestival der Welt zu sein.

 

Riskante Verhältnisse

Aber es ist schwer geworden, dieses Alleinstellungsmerkmal des Festivals von Mannheim-Heidelberg aufrecht zu erhalten, denn auch die ganz großen Filmfestivals wie Cannes haben heute keine Vorbehalte mehr dagegen, neben den namhaften Kinokünstlern auch erste Filmwerke von NachwuchsregisseurInnen zu präsentieren. Ergänzt wird die schwierige Lage von einem allgemeinen Strukturwandel in der Medienbranche, der auch die Filmfestivals erfasst hat. Festivals sind grundsätzlich nicht mehr die einzigen, die neue Filme präsentieren und die Internetkommunikation hat längst dafür gesorgt, dass niemand mehr sich einbilden kann, eine Art Geheimwissen über neue Filmtalente zu haben. Was Qualität hat, wird von allen gleichzeitig erkannt und das alte „Wer zuerst kommt, hat den Zugriff“, wenn es um die Suche nach neuen Qualitätsfilmen geht, ist passé. Da nützt manchmal der beste Ruf nichts, wenn es woanders viel mehr Geld zu holen gibt. Die Neugründung des Filmfestivals von Zürich ist ein Musterbeispiel, wie eine fachlich wenig bedeutende Veranstaltung dank enormer Summen zu höheren Weihen der Aufmerksamkeit aufsteigen kann, für die es inhaltlich gar keinen Grund gibt. Aber die wichtigen Entscheidungen werden nur noch sehr selten von den Regisseuren und Regisseurinnen und den AutorInnen getroffen, sondern immer mehr von denen, die das Geschäftliche regeln: den Ankauf und Verkauf fürs Fernsehen, Internet und Kino. Wer da nicht mitspielen kann, weil der Etat des Festivals viel zu klein ist für diese Welt, wie in unserem Fall, der gerät in Schwierigkeiten.

 

 

Gute oder schlechte Aussichten

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg müsste so bald wie möglich einen um mehrere Hunderttausend Euro erhöhten Etat zur Verfügung haben, um auch in Zukunft seine Position als professionelles Premierenfestival halten zu können. Es müsste einen hohen Geldpreis bieten können, ausreichend Gelder für eine professionelle Werbung haben, sich eine Dotierung von Ehrenpreisen leisten können, Geldmittel zur Ausrichtung potenter Fachkongresse mit einer großzügigen Einladungspolitik zur Verfügung haben und vieles andere mehr. Auch wenn es vor Jahren gelang, dem Festival durch die Ausweitung auf Heidelberg und den besseren Einstieg der Landesregierung einen halbwegs professionellen Etat zu geben, so ist der doch de facto immer kleiner geworden, weil er gleich blieb und wichtige Maßnahmen zu Stärkung der Position nicht möglich waren. Das hat auch damit zu tun, dass die beiden Städte Mannheim und Heidelberg keine Filmstädte sind, dass es hier nie eine Lobby für den Film gab wie anderswo, weil hier keine Filmproduzenten, Verleiher, Förderer leben, die die Forderungen der Festivalleitung nach einer rechtzeitigen Aufstockung des Etats für die Konkurrenzfähigkeit wirkungsvoll unterstützt hätten. So musste von der Substanz der Erfahrungen und Beziehungen gelebt werden. Für die Zukunft gäbe es natürlich alternativ auch die Möglichkeit, das bisherige Merkmal des Festivals ganz aufzugeben und künftig das zu tun, was Jahrzehnte lang nicht gemacht wurde und den Festivaldirektor von Warschau, Stefan Laudyn, dereinst bewundernd über seinen Kollegen in Mannheim sagen ließ „He does not copy other festivals“. Womit er gemeint hat, dass das ansonsten weit verbreitete Nachspielen spektakulärer Premieren anderer großer Festivals in Mannheim-Heidelberg eben nicht geschah. Genau dies könnte man jetzt tun und das Programm mit den Highlights von Cannes oder Venedig schmücken, dazu zwei Hollywoodstars einladen und die bisher exklusiv präsentierten Newcomerfilme – so wie es anderswo zumeist üblich ist – für ein spezielles Publikum in die kleineren Kinos stecken. Das hieße, das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg würde ein neues Kapitel seiner Geschichte beginnen, würde sein Verschwinden im Meer der Tausenden von Filmfestivals weltweit einfach akzeptieren und die bisherige Geschichte eben die bisherige Geschichte sein lassen. Das jedenfalls wäre mit dem vorhandenen Budget machbar. Eine wichtige Entscheidung der verantwortlichen Politiker steht da bevor.

 

 

Mannheim-Heidelberg, im November 2018

Dr. Michael Koetz