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10.11.2016

Eröffnungsrede am 10. November 2016

von Dr. Michael Kötz © zum 65. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg


Ich begrüße Sie, meine Damen und Herren, zur 65. Ausgabe dieses Filmfestivals. 65 ist eine gewaltige Zahl an Jahren, jedenfalls für ein Menschenleben. Sie müssen nur noch sieben weitere Jahre von diesen 65 zurückgehen, dann sind Sie bei 72 - und da kreisen bedrohlich die letzten Bomberflugzeuge über dieser Gegend, legen die Stadt Mannheim in Schutt und Asche und verschonen die Stadt Heidelberg, weil man schon entschieden hatte, sie zum neuen American Headquarter der US-Armee zu machen, wenn dieses Nazi-Deutschland endlich besiegt ist. Man muss sich das ein einziges Mal richtig klar machen: das Gründungsjahr dieses Filmfestivals, das Jahr 1952, das lag so nah am Ende des 2. Weltkrieges wie es heute das Jahr 2009 ist, und da war Obama schon ein Jahr US-Präsident.

1952 also. Ein gewisser Kurt-Joachim Fischer aus Heidelberg kommt auf die Idee, in Mannheim eine „Kultur- und Dokumentarfilmwoche“ zu gründen und einen Filmclub in Ludwigshafen. Für ein Publikum, wie er sagt, das vom Film mehr als nur billige Unterhaltung erwartet. So wie Sie das tun, meine Damen und Herren, nur eben heute. Man hat keine Chance dem zu entkommen, über die Zeit nachzudenken, wenn man das 65. Jahr seiner Entstehung feiert.

Aber keine Angst: wir haben fast vollkommen darauf verzichtet, Sie deshalb mit Geschichte zu bombadieren, haben stattdessen nach den allerneuesten Filmwerken meistens noch sehr junger Autorinnen und Autoren aus über 30 Ländern gesucht und eine, wie ich finde, besonders gelungene, eine besonders schöne und eine besonders intensive Auswahl von 40 Filmen markiert diese Festivalausgabe des Jahres 2016. Nur jetzt, nur hier heute Abend zur Eröffnung, will ich Sie, meine Damen und Herren, doch ein bisschen eintauchen lassen in die Entwicklung dieses Filmfestivals.

Es hatte, so könnte man sagen, verschiedene Liebhaber, eigentlich eher Ehepartner in den langen Jahren und deshalb hat dieses Festival auch seinen Namen gewechselt: „Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche“ hieß es bis 1960 unter dem Gründungsdirektor Kurt-Joachim Fischer, dann „Internationale Filmwoche Mannheim“ unter dem zweiten Chef namens Walter Talmon-Gros aus Tübingen bis 1973 und dann der dritten Leitung, der Chefin Fee Vaillant bis 1991. Dann, im Jahr 1992, übernahm ich selbst die Leitung und taufte es um in „Internationales Filmfestival Mannheim“. Aber nur zwei Jahre lang. Denn dann sollte es fast gleich gar nicht mehr stattfinden. Der Rat der Stadt Mannheim war in Geldnot und vermutlich fand er Film jetzt nicht ganz so wichtig wie sein Theater oder die Kunsthalle. Ich fand das unschön damals, hatte ich doch nicht nur eine mögliche Aufgabe beim Fernsehen nicht angenommen, sondern vor allem diese zwei Jahre gebraucht, bis ich überhaupt eine Ahnung davon hatte, was es bedeutet ein internationales Filmfestival zu machen. Jetzt sollte ich das alles umsonst gelernt haben? Lesen Sie die Geschichte nach im Programmheft dieses Festivals unter dem Titel „25 von 65“, womit die bisherigen Jahre gemeint sind, in denen ich die Leitung dieses Filmfestivals nun inne habe. Es war jedenfalls die schöne Stadt Heidelberg und ihre damalige Oberbürgermeisterin Beate Weber, die mit ihrer Begeisterung für die Möglichkeit, bei diesem Filmfestival mitzumachen, dafür gesorgt haben, dass es seit dem Jahr 1994, also seit nunmehr 23 Jahren, seinen vierten Namen inne hat: „Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg“ und damit zu dem ersten Filmfestival weltweit wurde, das in zwei Städten zugleich stattfindet und das in zweien, die doch eigentlich auch gerne gegeneinander konkurrieren. Seitdem hat sich nicht nur das Budget auf eine Weise erhöht, dass es zumindest eine Art Grundauskommen gibt, auch die Besucherzahlen haben sich erhöht und eine regelrechte Fangemeinde dieses Filmfestivals ist bis weit in die Region hinein entstanden.

Und was ist dieses „Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg“ eigentlich? Und zwar unter den über tausend internationalen Filmfestivals, die es gibt auf der Welt, Hundert davon allein in Deutschland oder in Frankreich, Italien hat auch nicht eben wenige, Asien gründet sie im Jahrestakt. Wobei das Schöne daran ist: sie wollen alle dieselben Filme haben, nämlich die, die gerade fertig geworden und besonders gut gelungen sind. Immer alle Tausend Festivals dieselben 100 Filme. Ich erinnere mich noch, wie ich nach zwei, drei Jahren meiner Amtsführung zumindest dies begriffen hatte: dass das keinen Spaß macht, nur mit größtem Hauen und Stechen diese Filme nach Mannheim-Heidelberg holen zu können, wo es doch, sagen wir, beim Filmfestival von Locarno einen schönen See gibt, bei dem von Thessaloniki gleich ein ganzes Meer, beim Festival von Sundance Robert Redford um die Ecke wohnt und Stockholm auch eine schöne Stadt ist – um nur die harmlosen der Konkurrenzfestivals zu nennen.

Nein, dachten wir, so geht das nicht, und erfanden, sozusagen mit deutscher Gründlichkeit, die weltweite Recherche, bei der wir wie mit einem riesigen Kamm, in dem wirklich alle Filme von Newcomer-Regisseuren hängen bleiben, durch die weltweite Jahresproduktion gehen und dabei eben auch die Filme erwischen, die die anderen gar nicht im Blick haben, weil man doch noch gar nichts von ihnen gehört hatte. Und mit dieser Methode arbeiten wir bis heute: erfassen jährlich etwa 8.000 Filmtitel von Newcomern in unserer Datei, schauen uns gut 1.000 davon an, nach dem Einsammeln unzähliger Tipps und Hinweise, haben schließlich etwa 150 Filme in der Endrunde.

Das, meine Damen und Herren, ist übrigens der Moment, wo andere Filmfestivals ihre Selektion beenden, denn rund 150 Filme zu zeigen, das gilt als normal. Aber wir sind nicht normal. Denn ich habe schon als Filmkritiker früher nicht verstanden, warum ich auf anderen Filmfestivals so viel merkwürdige und eigentlich nicht wirklich gelungene Filme zu sehen kriegte, die natürlich irgendeiner in der Auswahlkommission aus irgendwelchen Gründen ganz toll gefunden hat. Aber er oder sie mussten diese Vorliebe nicht begründen, nicht rechtfertigen, weil eine gewisse Liberalität herrscht, in der der eine Gutachter dem anderen nicht zu nahe treten will, sich also raushält, und deshalb am Ende allerlei Merkwürdiges im Programm ist. Ich fand diese Methode nie besonders nett gegenüber dem Publikum, das nämlich deshalb absolut vergeblich nach irgendeinem roten Faden in all den Filmen sucht. Und normalerweise wäre der Direktor auch außerstande, ihn zu liefern, denn er kennt bei dieser Fülle gar nicht mehr alle Filme im Programm.


Sie ahnen es schon: die „Methode Mannheim-Heidelberg“ ist anders. Gnadenlos sortieren wir bis zum Schluss alles aus, das uns nicht restlos begeistert hat, reduzieren das Programm immer weiter, bis es schließlich pro Festivaltag nie mehr als vier Filme sind, die in beiden Städten gleichzeitig als Premieren präsentiert werden, Stück für Stück und jedesmal mit Stolz und dem sicheren Gefühl, Ihnen, meine Damen und Herren, nur das zuzumuten, was wir selber auch gerne sehen und selbst, wenn wir dafür bezahlen müssten, auch noch einmal anschauen würden. Deshalb sind dies die Erkennungszeichen des Filmfestivals von Mannheim-Heidelberg weltweit: „Newcomers Only“, Newcomer-Filme nicht wie anderswo irgendwie im Programm versteckt, weil man ihnen nicht viel Attraktivität zutraut, sondern Newcomer und nichts als Newcomer, sogar zur Eröffnung.

Zum Zweiten eine Selektion, in der kein Film in der Masse untergehen kann und zum Dritten dadurch nur Filme, deren Qualität niemand der sich ein bisschen auskennt, ernsthaft bestreiten wird, ob er sie nun ganz persönlich mag oder nicht. Denn da gibt es natürlich keine 100%ige Übereinstimmung bei allen Zuschauern, mühelos würden Sie auch immer jemanden finden, der selbst das Essen im 5-Sterne-Lokal nur mäßig gefunden hat. Das darf er auch. Nur eine Wahrheit für alle daraus machen, das sollte der Testesser nur, wenn er seit vielen Jahren nichts anderes macht und ein hohes Spezialwissen angesammelt hat. Das ist ein wichtiger Punkt: dass es in der Kunst nicht nur ein individuelles Gefallen, sondern auch ein Wissen gibt. Und so landet mancher Film bei uns im Programm, der großartig gemacht ist, ein richtiges kleines Meisterwerk, aber persönlich mag ich ihn eigentlich nicht, weil ich zufällig diese Stimmung nicht mag oder dieses Thema. Persönliches Gefallen und künstlerische Qualität sind immer zweierlei. Aber natürlich ist es am schönsten, wenn beides zusammen kommt.

Das wünsche ich Ihnen, meine Damen und Herren: dass Sie nicht ehrfürchtig vor der Leinwand sitzen und denken „Und das soll jetzt gut sein?“, sondern dass Sie so begeistert sind von den Filmen wie wir. Denn bei all dem, was ein Internationales Filmfestival so tut und tun muss - für die Fachleute der Branche ein Anziehungspunkt sein, ein Ort, bei dem man im Hintergrund auch Geschäfte machen kann, weil sich das lohnt, und wo man sich treffen kann, um über neue Filmprojekte zu reden – neben all dem, ist es für mich doch am wichtigsten, wenn eben dies gelingt: Sie, das Publikum, zu begeistern mit Filmwerken, die Ihnen ans Herz gehen, manchmal auch an die Nieren. Und das auf eine Weise, die, wie ich glaube, immer wichtiger wird angesichts unseres Alltags.

Der ist nämlich davon bestimmt, dass wir recht einsam vor Bildschirmen sitzen und das abends noch verlängern können, indem wir dann weiterhin allein oder vielleicht zu zweit vor dem nächsten Bildschirm sitzen und dort den einen oder anderen Film anschauen. Wenn Sie zu uns kommen, meine Damen und Herren, ist alles anders. Bei uns in den Kinos des Filmfestivals können Sie nämlich nicht einen Blick auf einen Film werfen und dann vielleicht nach ein paar Minuten doch lieber auf einen anderen, oder vielleicht die Talk Show oder doch die Nachrichten. Denn bei uns gehen die Lichter aus, alle, und das sogar feierlich. Und auf einer großen Leinwand, die wie ein weit geöffnetes Fenster zur Welt ist, beginnt in einem großen dunklen Saal, der nicht nur Sie aufnimmt, sondern viele Hundert anderer Menschen, eine Reise mitten hinein in ein fremdes Leben, oft auch eine fremde Kultur. Es ist eine Bilderreise, der Sie sich so einfach nicht mehr entziehen können und wenn sie gut ist auch gar nicht wollen. Filmfestivals halten das Tor auf für die Erfahrung von Filmkunst im großen Kinosaal – mit allen damit verbundenen Qualitäten des Sozialen und vor allem der Intensität des Sich-Einlassens auf ein einzelnes Werk, ungestört und mit langem Atem. Und den brauchen wir. Denn vertraut kann das Fremde nur werden, wenn man es zulässt. Und zulassen wird man es nur, nachdem man sich wirklich darauf eingelassen hat.

Deshalb, meine Damen und Herren, geht es nicht nur darum, Ihnen ein paar schöne Stunden zu machen, wenn heute ein neues Festival beginnt. Sondern es sind, so denke ich, intensive Tage von Erfahrung und Eingedenken, die heute beginnen. Herzlich willkommen beim 65. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg!


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