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28.10.2016

Starke Frauenschicksale prägen das Programm 
des 65. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg


Mannheim/Heidelberg, 28. Oktober 2016 — Im Jubiläumsjahr stammt rund ein Drittel des Programms von Regisseurinnen. Das liegt weit über dem Durchschnitt der jährlich produzierten Filme, weltweit. Aber die Zahl der Filme, die sich mit Frauenschicksalen beschäftigen, ist noch weitaus höher. Dabei drängt sich der Eindruck auf, dass bestimmte Geschichten nur durch Frauenfiguren überhaupt so pointiert erzählt werden können, gerade bei den politischen Filmen aus Amerika, Osteuropa, dem fernen Osten sowie den skandinavischen Ländern. 

Mord und Totschlag in Kurdistan — und das besonders an den Frauen — ist das Thema von „The Dark Wind“ (Irak/Deutschland | Wettbewerb) von Regisseur Hussein Hassan. Eine Frau wird während ihrer Verlobung von der „IS“ verschleppt, misshandelt und nach ihrer Befreiung von den Patriarchen des eigenen Dorfes verstoßen, weil sie sich fremden Männern hingab. Nicht nur der Krieg ist wahnsinnig, von einem anderen Wahn des Machtverlustes bestimmt sind zugleich diese Männer. Brisanter in einem wirklichen Sinne geht es im Kino nicht. 

In „How Most Things Work“ (Argentinien | Wettbewerb) erzählt Regisseur Fernando Salem im Stile der „Nouvelle Vague“ seine Geschichte der jungen Celina, die durch Bücherverkaufen den menschlichen Akt der Annäherung an das Fremde vollzieht. 

„Love and Other Catastrophes“ (Dänemark | Wettbewerb) von Regisseurin Sofie Stougaard lässt höchst vergnüglich zwei schwangere Frauen aufeinandertreffen, die ironisch und klug nicht nur über Männer herziehen. 

Die Regisseurin Anu Aun geht in ihrem Debüt „The Polar Boy“ (Estland | Wettbewerb) der interessanten Frage nach, ob Liebe nicht überhaupt und immer auch eine psychische Krankheit ist, die den Sinn für Realitäten dramatisch sinken lässt und die Bereitschaft, sich hinzugeben, umso mehr. 

„The Spy and the Poet“ (Estland | Discoveries) ist ein Duell zwischen Mann und Frau. Zwei Spione, die nichts von ihrer gegenseitigen Bespitzelung wissen und eigentlich überhaupt nicht zueinander passen, passen natürlich wunderbar zusammen. Ein klassischer Plot, den Regisseur Toomas Hussar (zum wiederholten Mal auf dem Festival) meisterhaft erzählt. 

Warum geht eine junge Frau von 18 Jahren in den Dschihad? Dieser brisanten Frage geht Regisseur Rachid Bouchareb in „Road to Istanbul“ (Algerien/Frankreich | International Independent Cinema) unerbittlich nach und folgt dabei der Mutter bis in den „Islamischen Staat“. Der Kinobesucher wird Zeuge einer äußerlich wie innerlich erschütternden Reise. Sorgen die Frauen für die Macht der Männer? 

So erzählt Regisseurin Nahid Hassanzadeh in „Another Time“ (Iran | Wettbewerb) von Oma, der findet, dass seine geschwängerte Tochter am besten während der Geburt mitsamt dem Kind gestorben wäre. Wir begreifen staunend, was die patriarchale Kultur des Iran im Innersten zusammenhält. 

Regisseur Ciaran Creagh entwirft in seinem Debüt „In View“ (Irland | Wettbewerb) ein großes filmisches Gemälde, das von der Lebensmüdigkeit einer Polizistin erzählt. Ein Film von der Stille des Abschiednehmens. 

Ein Film wie ein Märchen: „Wedding Doll“ (Israel | Wettbewerb) von Regisseur Nitzan Gilady. Die Heldin dieses wunderbaren Spielfilms ist bildschön, aber wie man so sagt, „zurückgeblieben“. Und trotzdem oder gerade deswegen träumt sie von der Traumhochzeit mit weißem Kleid, ausgerechnet mit dem Sohn des Fabrikbesitzers. Kann das gut gehen? Und ob! 

Eine überwältigende Valeria Bruni Tedeschi spielt den Ausbruch aus dem Irrenhaus mit einer Gleichgesinnten in „Die Überglücklichen“ (Italien/Frankreich | International Independent Cinema) von Regisseur Paolo Virzí. Das ganze Vergnügen dieses vergnüglichen Films erzählt zugleich, wie zutiefst ernst diese spaßmachenden Frauen „überglücklich“ ihre Ausgrenzung durchaus erkennen und auszuhalten verstehen. 

Als ihr Mann im Sterben liegt, fährt die Protagonistin in „Iqaluit“ (Kanada | International Independent Cinema) von Regisseur Benoît Pilon zu den Inuits in den hohen Norden Kanadas. Ein Unfall, heißt es. Sie bleibt noch, länger als gedacht und ohne zu wissen, warum. Und langsam entdeckt sie, dass ihr Mann dort eine Geschichte hatte… 

In „The Miracle of Tekir“ (Rumänien/Schweiz | International Independent Cinema) von Regisseurin Ruxandra Zenide wird die Schwangerschaft der Heldin zu einem Mysterium, einem heimlichen Abenteuer von Seele, Geist und Körper. 

Die Heidelberger Regisseurin Rike Holtz erzählt die Geschichte dreier Schwestern Anfang Zwanzig, die auf höchst unterschiedliche Weise dasselbe Problem haben: die tiefe Ratlosigkeit im Umgang mit dem Leben und ihrer Zukunft. Deshalb heißt der Film auch „Alles in Butter“ (Deutschland | International Independent Cinema). 

Eine ältere Frau, die einen jüngeren Mann will, kann nur eine Hure sein! „Wedding Dance“ (Türkei | Wettbewerb) heißt das umstrittene Debüt der aus Istanbul stammenden Regisseurin Cigdem Sezgin. Die Geschichte von Leyla, 45, die ihre Liebe zu dem 15 Jahre jüngeren Ahmet öffentlich macht, obwohl Ahmet verlobt ist, und damit einen Skandal auslöst. Der überaus mutige Film gibt einen tiefen Einblick in die Türkei von heute. 

Regisseur Taras Tkachenko erzählt in „The Nest of the Turtledove“ (Ukraine | Wettbewerb) von einem ukrainischen Hausmädchen in Italien, das in der Fremde Geld verdient, damit ihre Familie in der Heimat überleben kann – wie 4 Millionen andere Menschen aus der Ukraine. 

Eine Zeitreise in viktorianische Zeiten unternimmt die Regisseurin Erica Fae schließlich in „To Keep the Light“ (USA | Wettbewerb). Ihre Protagonistin Abbie ist Leuchtturmwärterin auf einer einsamen Insel vor der Küste der USA. Ein Job, der im viktorianischen Amerika für eine Frau eigentlich verboten und viel zu anstrengend ist. Aber sie macht ihn trotzdem! 

„Jeder Jahrgang hat seine Eigenarten“, so Festivaldirektor Dr. Michael Kötz, der das Festival seit 25 Jahren leitet. „In diesem Jahr haben wir mit Freude und Erstaunen festgestellt, dass Regisseurinnen und Regisseure sich Geschichten ausgesucht haben, die Frauen in ganz unterschiedlichen Zeiten und Welten in den Mittelpunkt rücken. Das ist dichtes, hoch spannendes Kino. 


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