Der Wettbewerb der 68. Festivalausgabe

Mannheim-Heidelberg, den 1. November 2019 –  37 Newcomer-Filme aus der ganzen Welt präsentiert das 68. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Es findet zum letzten Mal unter Leitung von Dr. Michael Kötz statt. Deswegen hat er sich etwas Besonderes ausgedacht und die Jury für den Wettbewerb ganz allein dem Publikum übertragen, das ihm mit seit seiner „Amtsübernahme“ von Fee Vailla nt im Jahre 1992, also über 28 Jahre, die Treue gehalten hat und so das „Wunder von Mannheim-Heidelberg“ ermöglicht hat. „Seit Jahren begleitet das Publikum aus Mannheim, Heidelberg und der gesamten Region Rhein-Neckar dieses Festival mit großer Begeisterung und überaus intensiver Anteilnahme. Sie kommen zu uns, obwohl es ausschließlich Filme von Newcomers zu sehen gibt, also von noch ganz unbekannten Regisseur*innen, von denen sie noch nie etwas gehört haben können. Nicht einmal Schauspielstars hatten wir zu bieten. Genau dies aber war das „Wunder von Mannheim-Heidelberg“! Denn welches Filmfestival hat es geschafft, jedes Jahr wieder über 40.000 Tickets zu verkaufen für gänzlich unbekannte Filme unbekannter Filmkünstler ohne irgendwelche Stars?“, so Festivaldirektor Dr. Michael Kötz.

Die Filme des Wettbewerbs 2019

UNDER THE TURQUOISE SKY von KENTARO

100 Min., Japan, Mongolei (Eröffnungsfilm)

Der junge Takeshi ist der Enkelsohn eines schwerreichen Geschäftsmannes in Japan. Er kennt nur Luxus und Überfluss, lebt zwischen Champagnerglas und Hotelsuite. Wobei er den Weg dazwischen natürlich mit Chauffeur zurücklegt. Sein Großvater ahnt, dass das nicht gut geht. Er möchte nichts Geringeres als einen Menschen aus ihm machen und dazu, weiß er, bedarf es einer existenziellen Erfahrung. Großvater denkt an den letzten Krieg und an seine eigene Liebesgeschichte als Kriegsgefangener mit einer Einheimischen in der Äußeren Mongolei, bei der es eine Tochter gab, die er nie gesehen hat. Kurzerhand verpflichtet er Amaraa, einen gestandenen mongolischen Pferdedieb und Lebenskünstler, als Begleiter für seinen missratenen Enkel – hinein ins Abenteuer der Mongolei, hinein in großartige Szenarien und in das, was der junge Mann gar nicht kennt: das Leben. Eine Freundschaft entsteht in den Weiten der Steppe. Großartig, wie der mit allen Wassern gewaschene Kleingauner Amaraa ihr kaputtes Auto gegen ein Motorrad mit Beiwagen tauscht, damit die beiden aufbrechen können zu den Träumen von Freiheit und ewiger Liebe. Nicht nur der Dieb und das Luxusenkelsöhnchen kommen zusammen, sondern auch die Liebesgeschichte von einst trifft sich mit dem Leben von heute. Ein Meisterwerk.

RONA, AZIM’S MOTHER von JAMSHID MAHMOUDI

89 Min., Afghanistan, Iran

Azim ist mit seiner Familie aus Afghanistan in den Iran geflohen. Aber sie sind nicht zufrieden. Besonders Bruder Faroogh drängt auf die Fortsetzung der Flucht. Rasch ist die Reise arrangiert. Doch im letzten Moment will der Bruder ihre Mutter nicht nach Deutschland mitnehmen, trotz deren enger Bindung an die Enkelkinder. Azim findet heraus, dass seine Mutter dringend die Transplantation einer Niere benötigt, wenn sie nicht in zwei Monaten sterben soll, und sucht verzweifelt nach einem Spenderorgan. Doch obwohl im Iran der Handel mit Nieren blüht, ist es verboten, dass IranerInnen Nicht-IranerInnen eine Niere spenden. Azim selbst kommt als Spender nicht in Frage, weil er Diabetiker ist. Und so ist die Mutter auf das Organ des Bruders angewiesen. Während alle auf die Rückkehr Farooghs als möglichen Retter warten, erleben wir eine realistische Schilderung des Irans unserer Tage zwischen Halbwelt, afghanischer Flüchtlingssubkultur, harter Arbeitsatmosphäre in Dunkelheit und Dreck und endlosem Warten und Leiden auf Krankenhausfluren, aber auch authentische Liebe und Leidenschaft. Der Regisseur selbst ist afghanischer Geflüchteter im Iran und widmet schon seinen zweiten emotionalen und direkten Film mit vorzüglicher Charakterzeichnung diesem Thema.

MAGALI von JUAN‘ PABLO DI BITONTO

81 Min., Argentinien

 

Magali kehrt in den steinigen Landstrich im Norden Argentiniens am Fuß der Anden zurück, von dem sie stammt. Sie hat neben der Trauer um den Tod ihrer Mutter noch einen besonderen Grund dazu. Für die Arbeit in Buenos Aires hatte sie ihren Sohn bei der Großmutter zurückgelassen. Felix ist nun zehn Jahre alt und vollkommen in die dörfliche Gemeinschaft integriert, für die Magali eine Fremde ist. Ihr Sohn aber hat hier einen gewissen akzeptierten Status erreicht. Die Mutter hingegen ist ihm äußerst fremd, auch weil sie neben allem anderen mit Schuldgefühlen zu kämpfen hat. So wirkt es fast wie ein Göttergeschenk, dass dem Dorf eine besondere Bewährung bevorsteht, weil ein Berglöwe (Puma) die Lamaherde heimsucht. Alle Hoffnungen setzten die BewohnerInnen in ein Ritual zur Besänftigung des Tieres, dessen Vollzug bisher zu den Aufgaben der verstorbenen Mutter gehört hat. Nun fällt Magali diese schamanische Aufgabe zu. Doch nur mit Felix gemeinsam kann sie es schaffen, wozu Magali sich zu ihren natürlichen Wurzeln bekennen und eine neue gemeinsame Basis mit ihrem Sohn finden muss. In der Seelenlandschaft der kargen Steinwüste finden die beiden in einem Ritual zusammen, das den kultisch hochverehrten Berglöwen zum Partner macht, anstatt ihn als Feind zu jagen.

THE BLACK TREE von MÁXIMO CIAMBELLA und DAMÁN COLUCCIO

77 Min., Argentinien

Irgendwo nahe am Zentrum der Erde steht ein knorriger Baum mit schwarzen Ästen. Wenn man ihn erreicht, kann man auf einmal mit den Bäumen reden und die Vögel verbreiten deine Botschaften in aller Welt. Das sagt eine alte Legende der Qom, der Ureinwohner im Gran Chaco zwischen Paraguay und Argentinien. Qom, das heißt übersetzt, „die Menschen“. Martin in der Gemeinde Santo Domingo ist einer derer, dessen Geschichte dieser poetische Dokumentarspielfilm erzählt. Mühsam hält er sich über Wasser, buchstäblich, weil sich im eigentlich savannigen Trockenwaldgebiet eine sumpfige Lagunenlandschaft gebildet hat. Seine Ziegenherde ist krank. Immer mehr der Tiere sterben und der Veterinär aus der Stadt weiß auch keine Lösung. Martin überlegt, an eine der großen Firmen zu verkaufen, die das Land haben wollen und schon dabei sind, Bäume und Sträucher zu roden. „Damals“, erzählt ein alter Mann ihm von besseren Zeiten, „wurde nichts verschwendet und alles war da, sogar Medizin“. Und er erzählt vom Stern, der nach den Qom benannt wurde und von der Aura der Sonne, die bessere Zeiten versprach. Der verzweifelte Bauer beschließt, dem Ruf des „Schwarzen Baumes“ zu folgen. Mitreißend folgt der Film seinem magischen Blick auf die Natur, bei dem Himmel und Erde eins werden.

THE COTTON WOOL FARM von MARÍLIA HUGHES und CLÁUDIO MARQUES

82 Min., Brasilien

Ganz allein sitzt die 14-jährige Dora in der Empfangshalle des Flughafens. Da steht ihr plötzlich still in einiger Entfernung eine grauhaarige Frau gegenüber. Diese Szene ist der Ausgangspunkt des Films. Das junge Mädchen ist aus Deutschland angereist und soll einige Zeit bei ihrer Großmutter verbringen, über die sie nichts weiß, ebenso wenig wie über Salvador de Bahia, die drittgrößte Stadt Brasiliens und über die Umstände der Entfremdungen in ihrer Familie. Zunächst ist die Distanz zu ihrer 70-jährigen Oma Maria sehr groß. Dora streift durch die Stadt, schaut Gleichaltrigen beim dort in Salvador entstandenen Capoeira-Kampftanz zu und will eigentlich nur so schnell wie möglich zurück nach Hause. Doch dann entdeckt sie rätselhafte Photographien und Dokumente, die auf das ungewöhnliche, selbstbestimmte Frauenleben hinweisen, das Maria geführt hat. Sie verspürt auch das seltsame Flair einer außergewöhnlichen Künstlerin, das sie noch immer umgibt und entdeckt immer mehr nicht nur das Lebensgefühl der für sie fremden Stadt, sondern auch die Geheimnisse des familiären Bruchs von einst. Großartige Darstellerinnen, großartig geführt und eine stimmungsvoll inszenierte Suche nach den Bausteinen eines erfüllten Frauenlebens.

DUGA, THE SCAVANGERS von ABDOULAYE DAO und HERVÉ ERIC LENGANI

92 Min., Burkina Faso

Wenn ein Lieferwagen mit seltsamem Inhalt im Morast stecken bleibt, dann wird wohl bald Hilfe kommen. Das glaubt jedenfalls der Fahrer, der zwei junge Männer in der Nähe herumlungern sieht. Er lächelt zuversichtlich, was den beiden aber gar nicht gefällt. Sie schwingen sich auf ihre Fahrräder und rasen davon. In Wahrheit verfolgen sie ein ganz anderes Ziel. Eine der Geschichten aus Burkina Faso, die in diesem Film zu einem Bouquet von originellen, gewitzten Filmgeschichten verknüpft werden. Ein Snackbarbesitzer findet ein Baby und möchte es gegen alle Widrigkeiten behalten. Es soll keinesfalls ins Waisenhaus. Wozu auch? Warum zum Beispiel muss Cousin Peter unbedingt in die Stadt, wie der Schamane es verlangt. Er ist doch längst tot? Die Dorfältesten sind jedoch dagegen, dass der Ungläubige in seinem Heimatdorf begraben wird. Er hat nicht einmal einen muslimischen Namen. Und warum sind alle hinter der Leiche her, die in einem kleinen Bus transportiert werden soll? Lauter absurd-komische Pointen, präsentiert in einer ausgesprochen lebendigen mysteriös-komischen Erzählweise, die direkt von Geschichtenerzählern an afrikanischen Lagerfeuern stammen könnte. Afrikanisches Kino – unterhaltsam verwirrend und überzeugend authentisch.

THE SWING MAKER von DA XIONG

88 Min., China

Die Arbeit auf den Ölfeldern von Changqing in der chinesischen Inneren Mongolei hat den alten Liu hart gemacht. Und doch ist er für die jüngeren Kollegen ein sympathischer und beliebter Ansprechpartner geblieben. Mit Leidenschaft baut er Schaukeln, die allen zur Entspannung dienen sollen in dieser isolierten und etwas tristen Umgebung. Als man ihm sagt, er müsse langsam an den Ruhestand denken und auch noch entdeckt wird, dass er schwer krank ist, macht er sich auf in seine alte Heimatstadt Xi´an, die er 30 Jahre nicht gesehen hat. In der 8-Millionen-Metropole begegnet er seiner von ihm entfremdeten Ehefrau und seiner Tochter, die inzwischen erwachsen geworden ist. Das Leben in der alten Hauptstadt von Shaanxi hat sich sehr verändert und auch als Fahrer eines der gängigen Motorradtaxis tut er sich in der quirligen Großstadt schwer. In stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen porträtiert der Film die Einsamkeit auf dem Land ebenso wie die temporeiche Atmosphäre der Stadt. Wird ihm seine Freundlichkeit und seine ausgeglichene Lebenswärme in Xi´an ebenso helfen wie draußen auf den Ölfeldern? Ein authentisches Porträt der heutigen chinesischen Lebenswelt, mit den Augen eines jungen chinesischen Regisseurs.

HOLDING POSITIONS von LAURA MAHLBERG

75 Min., Deutschland

Flughäfen sind wie ein Durchgangsland. Jeder will irgendwohin. Man bewegt sich durch endlose Gänge, lässt sich wartend auf einer Bank nieder, umgeben von sich auftürmendem Gepäck. Aber das oft endlose Warten bietet jede Menge Möglichkeiten für Kontakte, sogar Liebeserklärungen und grundlegende Konflikte – also für das Leben selbst. Man müsste es nur einmal aufschreiben, sagt man sich oft, was dieses seltsame Paar zum Beispiel dort hinten treibt – oder es eben filmen. Denn alles, was da um einen herum geschieht, ist doch elementares, ganz ursprüngliches Kino: Das Verschwinden eines Paares in einem Gang, den eigentlich keiner betreten darf. Eine junge Frau, die einen Mann auf dem Sitzplatz neben ihr nach einem Wort in ihrem Rätsel fragt: „Jemand, auf den man vergeblich wartet, mit fünf Buchstaben?“ Ein Zusammenstoß zwischen einem Briefboten, der plötzlich aufspringt und ein Wasserglas über dem Computer eines Handlungsreisenden auskippt. Streitereien, Bildgedichte und Miniaturszenen überall. Und sind es nicht Träume, die dieser Mann dort an einem Reisebürostand verkauft? Und immer wieder dazu die grandiose Leere der modernen Innenarchitektur. Großes Kino in virtuos fotografierten Bildern und Szenarien. Ein Meisterwerk aus Deutschland.

TREES OF PROTEST von NICK SCHADER

102 Min., Deutschland

Man spricht vom „Hambacher Forst“, wenn von den Protesten gegen dessen Rodung zugunsten der Erweiterung des gleichnamigen Braunkohletagebaus im rheinischen Revier die Rede ist. Es handelt sich um ein 12 000 Jahre altes, keineswegs kurzfristig aufgeforstetes Waldgebiet von inzwischen nur noch wenigen hundert Hektar Ausdehnung. Hier hatten sich die DemonstrantInnen in 86 Baumhäusern verschanzt. Das führte über Wochen zu einem umfangreichen Polizeieinsatz mit tausenden von OrdnungshüterInnen samt eines gewaltigen Aufmarschs von Rodungsmaschinen aller Art. Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichte des Kampfes um den Hambacher Forst als eine der großen Erzählungen, das Kilma retten zu wollen durch entschlossene AktivistInnen nach dem Muster „David gegen Goliath“. Die ProtagonistInnen der Proteste kommen ausführlich zu Wort. Auch das Unterstützernetzwerk mit seinen Solidaritätsaktionen wird ebenso geschildert, wie die dramatischen Polizeieinsätze. Bis ein Gericht im Eilverfahren im letzten Moment einen Rodungsstopp verfügte, der bis Ende 2020 greift. Der auch sinnlich opulente, eindrucksvolle Film zum Thema Klimawandel nimmt offen Partei für die Maßnahmen gegen eine offenbar klimablinde aktuelle Politik und wurde auch finanziell erst durch eine denkwürdige private Crowdfunding-Kampagne möglich.

THE PROJECTIONIST von JOSÉ MARÍA CABRAL

97 Min., Dominikanische Republik

Eliseo ist ein Witwer mittleren Alters mit einer ganz besonderen Art der Liebe zum Kino. Er reist mit seinem mobilen Filmtheater herum, privat aber schaut er sich immer nur Filme mit einer ganz bestimmten Schauspielerin an, bei der ihn noch ihre kleinsten Gesten betören – immer und immer wieder. Allein sitzt er vor seiner persönlichen Kinoleinwand und schaut ihr zu, als sei sie das Leben selbst. Eines Tages zerstört ein Feuer seinen Schatz an Filmen mit Elena; bis auf einen, den er noch in einer von seinem Vater geerbten Kamera findet. Weil es auf diesem Film einen Hinweis auf einen bestimmten Ort in der Dominikanischen Republik gibt, reist er los und will seine bislang nur auf dem Filmbild Angebetete endlich persönlich treffen. Bei dieser Suche zeigt der Projektionist immer wieder Filme fürs Volk, kommt aber auch dem Geheimnis seiner Filmdiva auf die Spur, das mehr mit ihm selbst zu tun hat, als er anfangs glaubt. Eine Liebeserklärung an das Kino, in dem die DarstellerInnen so lebendig bleiben wie am ersten Tag und eine romantische Suche nach den Geheimnissen unserer Seele, die das Kino noch stets zu verbergen vermag. Nebenbei eine Reise durch ein unbekanntes Land, in dem man die Filme noch unter freiem Himmel vorführt und in dem Träume noch wirklich werden können.

AURORA von MIIA TERVO

105 Min., Finnland

Eine blonde finnische Party-Queen, die nur die Zeit überbrücken möchte, bis sie endlich in das sie irrlichternd lockende Norwegen ausreisen kann, braucht keinen Anlass, um sich hemmungslos zu betrinken. Dabei erfüllt Aurora mit dem roten Anorak alle Klischees der Blondinenwitze bis hin zum Nagelstudio, in dem sie wirklich arbeitet. Ihr Leben ist alles andere als zufriedenstellend, auch wenn sie sich mit dem Instrumentarium, das das Nachtleben bereitstellt, darüber kurzzeitig hinwegtäuscht. Eines Nachts am Imbissstand trifft sie auf den Iraner Darian, der mit seiner kleinen Tochter hier gestrandet ist. Er sucht ganz dringend eine finnische Frau, damit er im Land bleiben kann und spricht sie einfach an. Für Aurora kommt das nicht in Frage, aber sie hilft Darian gerne dabei, eine passende Frau zu finden. Das führt zu allerlei komischen Verwicklungen, bis die beiden in dieser romantischen Liebeskomödie gerade noch rechtzeitig erkennen, was sie eigentlich wollen. Mit typisch finnischem Humor, bei dem immer die einfachen Wahrheiten siegen und alle VerliererInnen unbeirrt auf eine bessere Zukunft hoffen, zerbricht auch der schöne Schein der besten Partynacht – denn Aurora braucht das Morgenrot!

 

FATHER AND SONS von FÉLIX MOATI

90 Min., Frankreich

Joseph und seine zwei Söhne stehen trotz unterschiedlicher Lebensphasen eigentlich vor den gleichen Sorgen und Nöten – der Selbstfindung und den Frauen. Der älteste Sohn Joachim vermag den Verlust einer großen Liebe kaum zu verwinden und fühlt sich auch durch die Weisheiten von Jacques Lacan, die ihm sein Psychologieprofessor nahebringen will, nicht getröstet. Der 13-jährige Ivan muss gerade erst lernen, dass man in seinem Alter vor allem erstmal in die Liebe selbst verliebt ist. Und Vater Joseph traut sich nicht, seinen Söhnen zu gestehen, dass er den sicheren Medizinerjob an den Nagel gehängt hat, um Schriftsteller zu werden. Als die beiden Söhne ihm dann doch bei einer Lesung zuhören, fallen dabei Sätze wie: „Die Summe der Frauen in meinem Leben ergeben einen Phallus mit dem Lächeln eines Engels.“ Ansonsten weiß der Vater auch nicht, was er sagen soll angesichts der Lebenskrise des Studenten, der vom Pfad des Musterschülers abgekommen ist, oder bezüglich der Probleme des pubertierenden Schülers. Bis alle drei zu begreifen beginnen, dass sie sich nur gemeinsam aus dem Sumpf der Selbstzweifel herausziehen können. Das erzählt der Film mit viel Situationskomik und im leichten und lockeren Stil französischer Beziehungsdramen. Und da ist noch nie einer an gebrochenem Herzen gestorben.

WIDOW OF SILENCE von PRAVEEN MORCHHALE

85 Min., Indien

Aasia ist eine „Halb-Witwe“. So nennt man in der indischen Krisenregion Kaschmir Frauen, deren Männer in einem der herrschenden Grenzkonflikte gefangen genommen wurden und nie mehr aufgetaucht sind. Sieben Jahre schon versucht die Krankenschwester mit einer elfjährigen Tochter einen „Totenschein“ zu bekommen, damit ihr Leben auf einer soliden Basis weitergehen kann. Immer wieder bieten Männer ihr ihre Hilfe an, aber nur gegen viel Geld oder gleich gegen Sex. Manchmal will auch einer ein Heiratsversprechen. „Du kannst dir eigene Gedanken nicht leisten“, sagt die Freundin und fordert sie damit auf, endlich aufzugeben. Aber sie gibt nicht auf. Nur der Taxifahrer, der sie immer wieder durch die Polizeisperren kutschiert, gibt mit sarkastischen Bemerkungen zu verstehen, dass er auf ihrer Seite steht und ihr wünscht, dass sie endlich aus dem absurd-komischen Kreislauf ständiger Demütigungen herausfindet. Zwischen den kargen grauen Hütten blitzen nur gelegentlich warme Farbakzente der Hoffnung auf. Dieses dezidiert authentische Porträt einer starken Frau, mit einer großartigen Hauptdarstellerin besetzt, ergreift ausdrücklich Partei für die Gequälten und Unterdrückten, die immer wieder zu neuer Stärke finden müssen, um ihr Leben zu meistern.

END OF SENTENCE von ELFAR ADALSTEINS

94 Min., Irland, Island, USA

Alabama, USA. Ihr letzter Wille war es, dass Vater und Sohn gemeinsam ihre Asche in einem entlegenen und rätselhaften See in der alten Heimat Irland verstreuen. Als Mutter und Sohn sich das letzte Mal sahen, musste sie ihn noch im Gefängnis besuchen. Sean ist ein Heißsporn und so will er nach dem Tod der Mutter ihrem letzten Willen nicht entsprechen und nicht mit seinem Vater nach Irland fliegen. Denn das Verhältnis von Vater und Sohn ist frostig, nur mühsam lässt er sich doch noch breitschlagen zu der Reise. Die Annäherung der beiden, die dann erfolgt, mag von der Mutter noch geplant gewesen sein. Doch bei der gemeinsamen Suche kommen immer mehr Geheimnisse aus deren Leben ans Licht. Eine verführerische, zwielichtige Frau, die auftaucht und die beiden Männer in ihren Bann zieht, fordert von ihnen unangenehme Entscheidungen, bringt aber auch die erstarrte Welt der beiden zum Tanzen. Hinter jeder Ecke wartet ein neues Geheimnis, das Vater und Sohn über sich erfahren und ein irisches Lied der Lady in einem Pub verrät das wahre Ziel der Reise. Ein ebenso spannender wie liebenswerter Film über das Leben als ein verwirrendes Spiel von Zielen und Zwecken, bei dem man am Ende immer da ankommt, wo man ohnehin hingehört – bei sich selbst.

METAL HEART von HUGH O‘CONOR

88 Min., Irland

Dafür, dass die beiden jungen Mädchen Zwillinge sind, sind sie schon sehr verschieden. Chantal ist blond, extrem beliebt und selbst ihrem simplen Job als Eisverkäuferin gewinnt sie noch etwas Glamouröses ab. Emma verehrt hingegen als spröde dunkelhaarige Schönheit Heavy-Metal-Musik und kleidet sich der Szene entsprechend – schwarzer Lippenstift inklusive. Ihre Gedanken sind düster und sie fühlt sich chronisch ungeliebt. Gegen ihre erfolgreiche Schwester, mit der sie während der Abwesenheit der Eltern alleine zusammen leben muss, gewinnt sie keinen Blumentopf. Bis Chantal eines Tages nach einem Autounfall zu Hause bleiben muss. Emma übernimmt nun ihren Job und färbt erstmal das Eis rabenschwarz. Ein junger Mann von nebenan macht ihr unerwartete Komplimente. Den Rollentausch würde nur noch komplettieren, dass die oberflächlichen Freundinnen ihrer Schwester zu ihr überlaufen, was beinahe sogar geschieht. Wäre da nicht doch die Liebe zu ihrer Schwester, für die sie nur neue, erwachsenere Wege finden muss. Eine rasante, energiegeladene und intelligent witzige Coming-of-Age-Komödie mit viel Musik und mit noch mehr authentischem Gefühl für die Jugendkultur und deren Suche nach den Werten des Lebens.

GOOD MORNING SON von SHARON BAR ZIV

88 Min., Israel

Ein aufregend emotionales und kurioses Kammerspiel in einem Krankenzimmer. Darin liegt der Sohn der Familie, ein junger Soldat, der bei einer militärischen Operation schwer verwundet worden ist, im künstlichen Koma. Familie und Freunde kämpfen um sein Leben – oft allein durch ihre Anwesenheit. Sie reden mit ihm, streicheln ihn, bauen eine große Familientafel auf, als sei es wichtig, dass er dennoch am Leben teilnimmt. Und das mit viel Witz und Ironie. Dass der Sohn im Koma liegt, kommentiert der Vater schon mal mit „Nobody is perfect“. Sogar ein Fußballspiel schaut man sich gemeinsam mit dem noch tief schlafenden Patienten an, mit sämtlichen Fan-Utensilien für ihn. Und zum Happy End öffnet der junge Mann auch wieder die Augen. Trotz dramatischer Ausgangslage handelt es sich um einen heiteren, dem Leben zugewandten Film. Man kann das hervorragende Drehbuch mit Dialogen an der Grenze zwischen Normalität, überbordender Menschlichkeit und gelegentlich frechem und sarkastischem Humor genießen. Man kann die Geschichte auch als Metapher auf Israels „komatöse“ politische Situation deuten, in der alles stillsteht und niemand etwas ändern will. Ein spannender und lebendiger Film, der das Leben in Israel in ein einziges Zimmer holt.

LUCANIA von GIGI ROCCATI

85 Min., Italien

Fernab in den Bergen Süditaliens bewirtschaftet Rocco mit viel Mühe seinen kargen Bauernhof. Der Ertrag reicht kaum für ihn und seine Tochter, die seit dem tragischen Tod der Mutter verstummt ist. In Wahrheit lebt die Mutter für die Tochter weiter, die sie – filmisch im Stile eines poetischen Realismus – täglich um sich hat. Doch dann bricht das Schicksal über Vater und Tochter erneut herein, diesmal in Gestalt des örtlichen Mafiabosses, der Giftmüll in ihrem Boden versickern lassen will, was der Bauer Rocco verweigert. Daraufhin wird ihr Haus angezündet und Rocco erschießt einen der Angreifer. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um den Sohn Carmines handelt, der Rocco fortan in blinder Rachsucht verfolgt. Dieser flieht mit seiner Tochter in die Berge, bevor ihn sein Schicksal einholt. Ein starkes, emotional berührendes Drama, das auch metaphorische und symbolische Bilder für die Seelenzustände seiner ProtagonistInnen findet. Besonders konzentriert sich der Film dabei auf das Erleben der Tochter Lucia, um die die ganze archaische Ballade von Rache, Schuld und Erlösung kreist. Der emotional eindrucksvolle Film setzt auch der Titel gebenden italienischen Region Lucania nahe der Stiefelspitze Italiens und ihrer sterbenden Kultur ein großartiges Denkmal.

BLUE HOUR von YUKO HAKOTA

92 Min., Japan

Das Leben der 30-jährigen Sunada in Tokio ist reichlich durcheinander geraten. Ihre Karriere kommt trotz ihres Verzichts aufs Muttersein und stattdessen Arbeit rund um die Uhr in der Werbebranche nicht so recht in Schwung. Auch der sie liebende Mann zu Hause stellt sie nicht zufrieden, weswegen sie sich auf eine Affäre mit einem Kollegen eingelassen hat. Erst ihre unkonventionelle, das Leben eher oberflächlich und locker nehmende Freundin Kiyura bringt Bewegung in ihr frustrierendes Leben. Bei einem Trip zurück in die alte provinzielle Heimat, die sie immer nur gehasst hat, lernt sie diese mit den Augen ihrer Begleiterin neu zu sehen. Ihre Familie zeigt sich plötzlich von der besten Seite. Und zurück kehren auch die Gespenstergeschichten, an die sie als Kind geglaubt hat und die Teil ihres Lebens waren. Und plötzlich ist er wieder da: der frühere, optimistische Glaube an das Lebensgefühl der „Blauen Stunde“ in der Morgendämmerung, wenn der Tag noch jung ist und alles passieren kann. Plötzlich sieht Sunada ihr Leben völlig anders und weiß auch, was ihr bisher alles entgangen ist. Eine Reise der Erfahrung in ein altes und ein neues Leben, mit viel Ironie. Denn Albernheiten offenbaren ihre Weisheit und manche Weisheit ihren ironisch albernen Kern.

FOR THOSE WHO DON’T READ ME von YAN GIROUX

107 Min., Kanada

Yves ist Dichter und Bohemien. Seine engsten Begleiter sind seine Gedichte. Er lebt mit ihnen, täglich trägt er sie auf Bühnen und an Bartheken vor. Kunst und Leben sind ihm identisch, die eigene Existenz ein Kunstwerk steter Bewegtheit. Zuhause ist er nirgendwo. Als er die Künstlerin Dyane kennenlernt, die mit ihrem Sohn im Teenageralter allein lebt, darf sich dies auch nicht ändern. Unsterblich verliebt, ist ihm die Liebe allein trotzdem zu wenig Kunst. Und so treibt er mit selbstquälerischer Meisterschaft und dem unbedingten Willen zur Obstruktion immer mehr einen Keil zwischen sich und seine Liebe. Eine franko-kanadische Hymne auf die Poesie ist dieser Film auch selber geworden. Kongenial inspiriert vom realen Leben des Dichters Yves Boisvert aus Quebec, erzählt er mit großer Leidenschaft und Poesie die authentische Geschichte eines Lebens für die Kunst. Und tatsächlich: Die besten Gedichte Yves Boisverts entstanden auch in der Realität im direkten Zusammenspiel mit der bildenden Künstlerin Dyana Gagnon, und zwar verliebt natürlich.

FABULOUS von MELÁNIE CHARBONNEAU

109 Min., Kanada

Drei junge Frauen wollen mindestens berühmt werden, jedenfalls aber erfolgreich. Allerdings sind Laurie, Elizabeth und Clara ziemlich verschieden – bieder und seriös, die eine, eine feministische Aktivistin, die andere und die dritte ist als Influencerin unterwegs. Sie will durch originelle, witzige Videos auffallen, vernachlässigt aber dabei, wie die Freundin findet, ein Mindestmaß an journalistischer Ethik. Trotzdem hat Clara die Nase vorn. Sie hat einfach die meisten Follower im Netz. Deshalb bekommt sie auch als erste einen Job und Laurie muss sich zunächst mit der Aufgabe einer heimlichen „Ghostwriterin“ – allerdings als eine mit den besten Ideen – zufrieden geben. Elizabeth schließlich opponiert als feministische „Jeanne d’Arc“ gegen alles. Doch wie es kommen kann in der schönen bunten neuen Arbeitswelt tauschen Clara und Laurie am Ende ihre Plätze – überdrüssig ihres schnellen Erfolgs, bei dem sie immer weniger sie selbst sein konnte, die eine, fasziniert von dem, was die Freundin bisher tat, die andere. Die überdrehte Satire auf YouTube-Videos und allzu rasche professionelle Deformation stellt wichtige Fragen, verliert dabei aber nie den unterhaltenden Tonfall einer rasant-knalligen Komödie.

THE FAR SHORE von DAVID ULOTH

104 Min., Kanada

Eine Mutter alleine mit ihren beiden heranwachsenden Töchtern. Der Vater ist gerade erst gestorben – nicht ohne Selbstverschulden. „Ich kann ihn nicht hassen dafür, er hat mir zwei großartige Geschenke hinterlassen: Euch“, beugt die Mutter den leidenschaftlichen Hasstiraden ihrer seelisch verwundeten ältesten Tochter vor. Marine, die Kleinste, hingegen lebt oft in einer Phantasiewelt, in der der abwesende Vater zumindest für sie noch existiert. Damit wehrt sie sich auch gegen die Quälereien ihrer Mitschülerinnen, die ziemlich weit gehen. Die ältere Schwester ist ein ebenso rebellischer wie depressiver Teenager, sprunghaft und oft ihre Mutter verletzend, besonders seit sie eine Liebesbeziehung zu einem älteren Mann eingegangen ist. Charakteristisch für Marine ist ihre Kopflampe wie sie Radfahrer tragen. Sie benutzt sie für die aufmerksame Durchsuchung ihrer Umgebung, schnüffelt nach dem Geruch der Küchentücher oder entdeckt zum Entsetzen ihrer Umgebung die kleine Ratte, die im Klo ertrunken ist. Alle drei – auch die chronisch überforderte Mutter – arbeiten aber doch nur das Trauma über den Verlust des verstorbenen Vaters auf, bilden aber dabei eine verschworene Gemeinschaft, die dieser visuell reiche und originelle Film mit großer Empathie und fortwährender Spannung entfaltet. Absolut sehenswert!

THE GRIZZLIES von MIRANDA DE PENCIER

104 Min., Kanada

Ein junger Lehrer lehrt und lernt selber. Denn hier bei den Inuit in Kugluktuk im äußersten Norden Kanadas bestimmen Armut, Alkohol und häusliche Gewalt das Leben im Alltag. Das ist jedenfalls der Eindruck, den der neue Lehrer Russ haben muss, als er dort seine Stelle an der Schule antritt. Als Außenseiter wird ihm nicht viel Achtung entgegengebracht, weder von den SchülerInnen noch von deren Eltern, die finden, der „Weiße“ habe sich in ihre Angelegenheiten nicht einzumischen. Da fällt ihm sein Lacrosse-Wurfschläger ein, den er gerade erst im doppelten Sinn an den Nagel gehängt hat. Vielleicht hilft er ihm. Denn dieses Kampfspiel hat seine Wurzeln in einem Spiel der UreinwohnerInnen an der Ostküste und den Großen Seen und es diente schon in alten Zeiten der Gemeinschaftsbildung vor einem Krieg. Diesen Krieg gegen Chancenlosigkeit und Depression will Russ nun gemeinsam mit seinen SchülerInnen führen und formt sie deshalb zu einem erfolgreichen Lacrosse-Team. Allerlei komische und weniger komische Hindernisse sind zu überwinden, bis eine alte Schamanin den entscheidenden Hinweis gibt. Die Besonderheiten der Landschaft spiegeln sich wider in außergewöhnlichen Finten des Spiels, die zum Sieg in der Meisterschaft führen. Ein ungewöhnlicher, spannender und mitreißender Film über das Lehren und Lernen und die verbindenden Kräfte des Spiels.

THE MISSED ROUND von RAFAEL MARINÉZ MORENO

89 Min., Kolumbien

„El Piedra“, der „mit den steinharten Fäusten“, verdient sein Geld als „Bait“, als der, der sich freiwillig besiegen lässt in den provinziellen Profikämpfen in Kolumbien. Immer ist er gerade noch so gut, dass sein Auftritt genügend Spannung verspricht, um das Publikum anzulocken und die Wettumsätze zu garantieren. Aber jedesmal zählt der Boxrichter bis zehn und Reynaldo Salgado darf sich reichlich lädiert mit seiner Verlierergage davonschleichen. „Das macht ihm nix“, sagt der Boxpromoter: „Er hat niemanden zu versorgen und keiner wartet auf ihn.“ Doch dann ändert sich etwas, als Breyder auftaucht, ein kleiner Junge, der das abgegriffene Foto einer Frau vorzeigt und behauptet, das sei seine Mutter und er sei ihr gemeinsamer Sohn. Zunächst will ihn „El Piedra“ einfach nur loswerden, doch der Kleine lässt sich nicht abschütteln und lernt nach und nach, worum es dem knallharten Boxer aus der Gosse eigentlich geht. Er wird Teil seines kargen Lebens und repräsentiert in diesem berührend authentischen Boxermelodram irgendwie die bislang noch stets verpasste „letzte Runde“ der menschlichen Regungen. Meisterlich wirft dieser Film aus Kolumbien zugleich einen eindrucksvollen Blick in die Welt der dort Chancenlosen, die dennoch nicht aufgeben wollen.

INDIGO von SELMA BARGACH

91 Min., Marokko

Nora ist ein Indigo-Kind: Bilder spiritueller Visionen drängen sich immer wieder in die Alltagswahrnehmungen der 13-Jährigen. Sie ist hypersensibel und leidet eher darunter. Niemand glaubt ihr, was sie gesehen hat. Vor allem nicht ihre Mutter, die sich in der marokkanischen Großstadt am Meer sowieso nicht sonderlich wohl fühlt und Nora ihre eigenen psychischen Probleme immer mehr aufbürdet. Immer seltsamer werden deshalb die Erfahrungen, die die alleinerziehende Frau mit ihrer Tochter macht. Eines Tages findet sie sie halbnackt im Regen vor der verschlossenen Tür. Nora verrät nicht, dass dahinter ihr etwa gleichaltriger Bruder steckt, der sich immer neue boshafte Spielchen mit ihr ausdenkt. Die Mutter schleppt das Mädchen zum Psychiater, der aber nur Pillen verschreibt und Elektroschocks vorschlägt. Nur Noras Tante scheint zu verstehen, dass sie nicht krank ist, sondern über eine ganz besondere Fähigkeit verfügt. Doch wie kann sie dieses Talent produktiv nutzen und Nora trotzdem ein einigermaßen normales Leben ermöglichen? Und ist da nicht etwas geschehen in der frühen Kindheit, das Nora unfreiwillig so sensibel machte? Kino wie ein Zauberkunststück, das die Magie des filmischen Erzählens auf die Spitze treibt und ganz nebenbei eindrucksvolle Psychogramme der Figuren entfaltet.

LONESOME COLLECTORS von AXEL MUÑOZ BARBA

77 Min., Mexiko

Julio ist ein seltsamer junger Mann. Verzückt und versonnen fährt er bei seinem Job in einer Reinigung die Konturen des roten Kleides nach, das eine schöne Kundin abgegeben hat. Denn er liebt sie aus der Ferne. Nachts schleicht er sich heimlich in ihre Wohnung, geht auf fetischistischen Raubzug, trinkt aus ihrer Tasse, auf die sich noch ihr Lippenstift abgedrückt hat. Wirklich nah will er ihr auf keinen Fall kommen. Das zeigt sich, als sie ihn einmal stellt und ihm, fasziniert von seiner Leidenschaft, eindeutige Angebote macht. Julio hat also Angst vor Frauen und kann sich ihrer gleichzeitig nicht erwehren. Als unerreichbar beherrschen sie sein ganzes Denken. Überraschend unkompliziert, ja fast „normal“, nähert er sich dagegen der jungen Köchin Mara. Allerdings ist die auf eine andere Weise mysteriös – sie ist ihm nämlich seelenverwandt, wie sich bald herausstellt, was die Annäherung der beiden nicht weniger kompliziert macht. Gestörtheit in erotischen Angelegenheiten ist das Thema des Films – die Angst vor Nähe. Virtuos gelingt es dem jungen Autor und Regisseur aus Mexiko die Gestimmtheit dieser Leidenschaft in Bilder zu setzen – Berührungen, die wenige Millimeter vor dem Körper des jeweils anderen Halt machen. Ganz wie im Kino.

HURRY SLOWLY von ANDERS EMBLEM

68 Min., Norwegen

Es ist Sommer. Sie sitzt da und spielt für sich auf der Gitarre. Und ab und zu muss sie rüber zur Fähre über den Fjord, denn das ist ihr Sommerjob in diesem Jahr. Gerade hilft Bruder Tom ihr beim Zusammenlegen der Wäsche, sie klebt ein Smiley-Gesicht auf den Korb. Tom freut sich wie ein Kleinkind. Er ist geistig behindert und sie passt auf ihn auf, dokumentiert sorgfältig seine Fortschritte. Die junge Fiona lebt mit ihm über die Sommermonate in einem Häuschen im Nordwesten Norwegens. Ein paar Stunden täglich auf der Fähre und dann viel Zeit mit der Gitarre und für den Bruder. Ein stiller Film über das Leben, über Verantwortung für andere, auch darüber, sich auf sich selbst einzulassen, zur Besinnung zu kommen – und über die sommerliche Weite dieser Landschaft am Fjord. Ein Film, der wirkt, als habe er nur ein paar Blicke werfen wollen in eine Existenz, habe dieser Fiona nur zusehen wollen beim Leben, ganz undramatisch, frei von jedem Konflikt und künstlichem Höhepunkt – und der gerade dadurch eine wunderbare Tiefe und Bedeutung erfährt. Eine große, wunderbare Gelassenheit, breitet sich aus, wenn Fiona zu ihrer Gitarre greift und nicht nur sich selbst, sondern auch uns ins Träumen geraten lässt. Auf nach Norwegen!

THE HUMORIST von MICHAEL IDOV

101 Min., Russland, Lettland, Tschechien

  1. In der zu Ende gehenden Sowjetunion vor der Perestroika ist Boris ein gefeierter und beliebter Komödiant. Nur gelegentlich überschreitet er die rote Linie, die das Regime ihm setzt. Er macht Witze über Bürokratie, Sexualität, das Leben und dessen Wahrheiten. Aber er hütet sich vor direkten politischen Statements. Schleichend fügen ihm diese Kompromisse, diese erzwungene tägliche Zurückhaltung, jenen Schaden zu, der ihn zu lähmen und zu zerstören droht, lebt er in seiner Profession doch von der Lust zur Wahrheit. Immer absurder werden die Situationen, in die er gerät. So, wenn er eigens eingeflogen wird, weil ein Astronaut, der gerade im Weltraum weilt, sich eine Privatvorführung mit einem seiner berühmten Witze wünscht. Dabei wird er in eine gespenstische Kammer gesperrt, die ihm wie sein ganzes Leben, zwar seine Monologe erlaubt, ihn aber in der babylonischen Gefangenschaft der Diktatur belässt, als deren Hofnarr er sich fühlt. Soll er vielleicht zu direkter Beleidigung übergehen? Ausgerechnet an dieser Stelle wird er zu einem geselligen Beisammensein mit der höchsten Generalität eingeladen. Eine sehr persönliche Geschichte erzählt dieser bemerkenswerte Film aus Russland, die doch nur scheinbar in der Vergangenheit spielt – denn wo darf Satire heute alles?

LAST VISIT von ABDULMOHSEN ALDHABAAN

75 Min., Saudi Arabien

Gemeinsame Autofahrten gehören zu den intensivsten Momenten im Leben des halbwüchsigen Waleed und dessen Vater Nasser im mittleren Alter. Die wichtigsten Gespräche der beiden finden also nebeneinander sitzend statt. Oft schauen sie sich nicht einmal dabei an. Klar ist, diese Kommunikation ist gestört. Und so spürt man zunächst kaum die Rebellion des Jungen. Bei einer dieser Fahrten werden sie zurückgerufen aufs Dorf, wo der Großvater im Sterben liegt. In der schlichten Einsamkeit mit Betonwüsten und dem kargen Zimmer mit dem schon fast regungslosen Alten wird das autoritäre Verhalten Nassers noch strenger. „Sprich nicht so mit deinem Onkel“, weist er beispielsweise von oben herab dem jungen Mann seinen niederen Platz zu. Für Waleed bleibt nur noch die totale Verweigerung – selbst des Gebets. Immer häufiger geschehen rätselhafte Dinge und seltsame Nebenfiguren tauchen auf. Still und stilisiert arbeitet sich diese Männergesellschaft an sich ab. Ein hermetischer Film aus einer hermetischen Gesellschaft. Einer der seltenen Einblicke in eine Welt, die sonst keine Blicke von außen zulässt. Ein filmisch authentisches Protokoll auch der Verstörungen dieser Gesellschaft, die in diesem „letzten Besuch“ – vielleicht selbst kurz vor dem Verschwinden – noch einmal besichtigt werden kann.

 

THE UNPROMISED LAND von VICTOR LINDGREN

86 Min., Schweden

Als die Jungs ihr eine Bierdose anbieten, versteht sie gar nicht, was sie von ihr wollen. Die 17-jährige Sabina aus Rumänien ist fremd in der Stadt und in der Kultur. Doch sie bemüht sich nach Kräften, sich in Holmsund in Schweden zu integrieren. Sie sucht erfolglos nach einem Job, ihre Brüder haben Arbeit in der Autowerkstatt gefunden. Doch nur die fast gleichaltrige Schwedin Elin interessiert sich für sie, auch wenn es bald schon schwierig wird mit der schönen Sommerfreundschaft der beiden Mädchen. Und hat nicht die Lehrerin, als sie alle in die Sommerferien entließ, ein gewisses Misstrauen vorgegeben, das sich jetzt wie ein schleichendes Gift in der kleinen Provinzgemeinschaft ausbreitet? Bald verfügt der Besitzer des örtlichen Supermarkts, dass Sabina nicht alleine im Laden bleiben dürfe. Der Film zeigt ein vordergründig idyllisches Schweden, das in Wahrheit von einer durch wenig Fakten begründeten Angst vor dem Fremden innerlich zerfressen wird. Die Atmosphäre des Misstrauens zum einen, die Zuneigung zum anderen wird in diesem filmisch wunderbaren Werk einfühlsam erfasst. Am Ende peilt die kleine Romagruppe ein für sie vielversprechendes neues Ziel an: Deutschland. Und Elin aus Schweden trifft eine folgenschwere persönliche Entscheidung.

ROLL THE DRUM! von F.-CHRISTOPHE MARZAL

90 Min., Schweiz

Der „Geist von ’68“ weht in dieser Retro-Musik-Komödie mitten hinein in ein trauliches Schweizer Dorf. Wir sind im Jahr 1970 im französischsprachigen Kanton Valais, im Wallis. Die Frauen kämpfen gerade um ihr Wahlrecht und die etwas verhärmt wirkende Ehefrau von Aloys ist eine der modernen Suffragetten im Dorf. Ihr Mann ist dagegen besonders konservativ als Dirigent der örtlichen Blaskapelle, die in schmucken Uniformen auch in diesem Jahr wieder zum regionalen Wettbewerb der Bands – wie üblich – antreten will. Doch dem autoritären Stil von Aloys widersetzen sich diesmal viele. Und auch zu Hause beginnen sich Frau und Tochter gegen sein strenges Regiment zu wehren. Just zu dieser Zeit kommt der schöne Pierre ins Dorf zurück, der lange weg war. Auch er ist Musiker und schart den Widerstand um sich. Er will moderne musikalische Akzente setzen, nimmt auch italienische Gastarbeiter und vor allem Frauen auf in seine neue Band, die bald zu den mitreißenden Klängen des italienischen Partisanenliedes „Bella Ciao“ durch die Straßen zieht. Nach allen Regeln der Kunst – und so unfair wie eben möglich – bekriegen sich die beiden neuen Kulturen in dieser erfrischenden Komödie nun bis zur endgültigen Wiedervereinigung. Ein unwiderstehliches Feel-Good-Movie aus der Schweiz

 

NEW SKIN von ALIX GENTIL

79 Min., Spanien

Eva kommt nach Hause zurück, ganz unspektakulär ist sie einfach wieder da. Dabei hatte sie sich über Nacht davongeschlichen und war fünf Jahre weggeblieben. Nun ist ihre plötzliche Rückkehr ein noch größerer Schock für Eltern und Schwester, FreundInnen und Liebhaber. Warum ist sie überhaupt zurückgekehrt? „Ich wollte einfach nicht mehr das Foto auf dem Kühlschrankbutton sein.“ Eva ist also zurück und alle gewöhnen sich langsam daran, da bricht die andere, die „brave Tocher“, ebenfalls auf, um künftig in Frankreich zur Schule zu gehen. Auch sie wird ein neues Leben beginnen. Für die neuerliche „Häutung“ Evas, die jetzt allein sein wird hier, bleibt also nicht viel Zeit. Kann man viele Leben leben oder nur ein einziges? In immer neuen Wendungen und oft surrealen Szenen übersetzt dieser Film solche und andere grundsätzliche Fragen des Lebens in eine spannende  und berührende Suche der Hauptfiguren nach sich selbst. Wie viele „Häutungen“ braucht ein Mensch, fragen sich auch Evas ehemalige MitschülerInnen und es stellt sich heraus: Jeder von ihnen hat seine eigene Methode gefunden, darauf eine Antwort zu geben.

 

OJOS NEGROS von MARTA LALLANA und IVET CASTELO

67 Min., Spanien

Die große Sommerreise in die spanische Provinz wird für Paula über ihren Kopf hinweg entschieden und geplant. In „Ojos Negros“ ist ihre Mutter aufgewachsen. Jetzt will sie Frieden schließen mit ihrer schwerkranken Mutter und ihr die Gelegenheit geben, als Oma die Enkelin zu erleben. Paula trifft auf eine zutiefst morbide Stimmung. Da erscheint überraschend ein anderes junges Mädchen namens Alicia. Neben der stillen und in sich verschlossenen Paula wirkt sie frisch und lebendig. Es wird eine „Mädchenfreundschaft fürs Leben“ – so scheint es jedenfalls –, die  den ganzen Sommer rettet. Insgeheim geflüsterte Gespräche im Dunkeln, Herumtollen im Sonnenschein und gemeinsame Beobachtungen seltsamer Sommergäste. Wird ihre beglückende Freundschaft ewig sein? Was ist, wenn man stirbt? Die Mutter des Mädchens hat gesagt: Es gibt da noch ein anderes Leben, aber da hat man keine Erinnerung an das jetzige. Vergessen wäre dann auch ihre Freundschaft? Das Erwachsenwerden kündigt sich an und die schönen Momente in diesem stimmungsvollen Film darüber haben schon ein baldiges Verfallsdatum. Die innerliche Stimmung der jungen Paula markiert diesen großartigen Film, von einer „verliebten Kamera“, die sie kaum einmal aus den Augen lässt, unterstrichen. Erwachsenwerden ist traurig, aber auch schön.

THE ROAR von CHUN-HAO

81 Min., Taiwan

Huang fährt mit seinem Taxi oft Doppelschichten in der Großstadt. Nicht selten muss er es putzen, wenn Oberschicht-Teenager sich nach durchzechter Nacht übergeben haben und dem Tankstellenpächter sagt er, zu Hause erwarte ihn nur eine „geldgierige“ Ehefrau, da könne er auch gleich weiterfahren. Gar nicht mehr erwartet ihn seine 17-jährige Tochter, die gerade schwanger geworden ist und auf die er nur zufällig trifft, als sie gerade von ihrem Freund zusammengeschlagen wurde. Um wieder nach Hause zu kommen, nimmt sie ein „fremdes“ Taxi. Das Haus, in dem die kleine Familie lebt, wird bald abgerissen werden und die Schulden drücken ohnehin schon. Huangs Verzweiflung spitzt sich immer mehr zu. Da hört er einen Schuss und wird fast Zeuge eines Raubüberfalls. Jedenfalls findet er Maske, Jacke und Schusswaffe des Täters, weggeworfen im Müll. Eine überraschende Gelegenheit. Was wird er damit anfangen? Eine dramatische Zuspitzung bahnt sich an. Ein sehr realistischer Film aus dem Großstadtdschungel, sehr authentisch und direkt erzählt, mit glaubwürdigen Charakteren, die einem bald ans Herz wachsen. Ein überraschend menschlicher und zugleich knallharter Film, der das ganz neue taiwanesische Kino repräsentiert. Dunkel sind die Straßen Taiwans nicht von der Nacht allein.

 

OHONG VILLAGE von LUNGYIN LIM

91 Min., Taiwan, Tschechien

Der eine ist zurück im Dorf, das ihn nicht loslässt – trotz aller Erfolge in der Stadt, zurück im Fischerdörfchen im äußersten Süden Taiwans. Sein bester Freund von damals wollte einst eigentlich mit ihm fort, ist aber geblieben. Ein Fest wird vorbereitet, der Tempel bunt geschmückt, in dem man Gott alles fragen kann. Später zündet man Schiffe aus Papier an, um die Vergänglichkeit zu feiern. Die Stimmung könnte besser sein, wäre die Aussternernte in diesem Jahr nicht verdorben. Davon leben aber alle hier, wenn es auch ein paar neue Ideen gibt mit Schiffstouren für TouristInnen. Großmutter erzählt aus der Zeit,  als man die Salzfelder noch fröhlich gemeinsam bewirtschaftet hat. Die zwei Freunde von damals beneiden sich gegenseitig. Tradition und Moderne treffen aufeinander. Weil sein Vater erkrankt ist, muss der erfolgsverwöhnte Städter die Austernfarm des Vaters übernehmen. Aber wird es ihn glücklich machen, dieses alte Leben im Dorf? Der Freund jedenfalls ist statt seiner in die Stadt gegangen und schwärmt, wie toll es dort sei. Was ist Glück? Wann ist ein Leben erfolgreich? Ein taiwanesischer Autorenfilm mit viel Poesie und Nachdenklichkeit.

 

OLD TIMES von MARTIN DUŠEK und ONDŘEJ PROVAZNÍK

85 Min., Tschechien, Slowakei

Der eine sitzt im Rollstuhl, der andere kann kaum hören. Vlasta kommt aus den USA nach Tschechien. In seinem Gepäck zeigt das Röntgenbild deutlich ein Gewehr, das gleich bei der Ankunft beschlagnahmt wird, was ihm freundliche Beamte als Selbstverständlichkeit erklären. Aber Tonda, der andere Mann, kennt noch die Verstecke ihrer Pistolen von früher. Die beiden Alten planen einen Mord, wollen den Staatsanwalt aus der sozialistischen Zeit finden. Als politische Dissidenten hatte der sie damals mit gefälschten Beweisen einsperren lassen und viele ihrer Freunde hingerichtet. Doch die Suche gestaltet sich schwieriger als gedacht. Sie machen vorsichtshalber Schießübungen und wenn sie sich nah am Ziel wähnen, zieht der Mann im Rollstuhl seine alte Uniformjacke mit den unzähligen Orden aus dem Zweiten Weltkrieg an. Die ganze Racheaktion ist eine ernste Sache und die beiden fühlen sich im Recht. Böse Erinnerungen kommen hoch. Der Film enthält jedoch so viele komische Momente, dass man ihn über weite Strecken auch als Komödie sehen kann, die die vollständige Uneinsichtigkeit der beiden alten Kämpfer karikiert. Bis der Alte im Rollstuhl tatsächlich seinem Peiniger von einst als heute schwer kranken, bettlägerigen Mann gegenübersteht.

ON THE ROOF von JIŘI MÁDL

95 Min., Tschechien

Der emeritierte Professor des alten Systems lebt ganz allein in diesem Mietshaus in Prag. Ein junger illegaler Vietnamese, der unter sklavenähnlichen Bedingungen auf einer Marihuana-Farm auf einem Dachboden arbeitet, muss fliehen und verliert alles, weil die Polizei ihn sucht. Verzweifelt steht er oben auf dem Haus und will in die Tiefe springen. Ob er wolle, dass er, der alte Mann, jetzt einen Herzinfarkt bekomme, wenn er da runterspränge, ruft ihm der Professor zu – und dass er überhaupt dann auch springen würde. Und weil in dieser Geschichte aus Tschechien der legendäre tschechische Humor auf das Wunderbarste ausbricht, werden die beiden damit ein ungleiches Paar, das auf jeden Fall am Leben bleibt. Mit pfiffigen Tricks und ohne Vorurteile bringt der Alte dem Jungen die Grundregeln des klandestinen Lebens in einer Mietwohnung bei, etwa, wie er den Verwalter regelmäßig abblitzen lässt, „mit dem Zeugen Jehovas-Trick“, wie er sagt: „Man muss nur lange genug abwarten.“ Und wenn sie sich nicht beide mit der Eroberung der hübschen Nachbarin befassen, dann feiern sie ausgelassen – und natürlich illegal – über den nächtlichen Lichtern Prags auf ihrer Dachterrasse. Ein meisterlicher Film zum Stichwort Völkerverständigung, die nämlich am besten lachend gelingt.

SKY AND GROUND von TALYA TIBBON und JOSHUA BENNETT

86 Min., USA

Als sie dann einmal angekommen sind in Rostock, zeigt das eine Mädchen aufs Meer: „Das ist jetzt Deine Heimat.“ Aber das andere Mädchen schüttelt den Kopf: „Meine Heimat, das sind Himmel und Erde.“ Gelernt hat sie das auf der Flucht ihrer syrisch-kurdischen Familie 2016 von Aleppo bis zum Flüchtlingscamp Idomeni an der griechisch-nordmazedonischen Grenze, über Serbien, Ungarn und Österreich und die berüchtigte „Balkanroute“ bis ans Meer in Deutschland. Diese ganze gefährliche Reise lang folgt der Dokumentar-Spielfilm dem Nabi-Clan, wobei manche Passagen des Films nicht nur spannend wie ein echter Spielfilm sind, sondern auch mindestens „gescripted“, wenn nicht sogar inszeniert wurden. Schließlich könnte man sonst nicht mit Filmlicht einen geheimnisvollen dunklen Acker überqueren. Die Kamera ist stets nah bei den ProtagonistInnen der Geschichte, sodass wir deren Ängste und Spannung unmittelbar mitempfinden können. Einer der emotional eindrucksvollsten Filme zum Thema, weil er mit einer fast unglaublichen Echtheit glänzt. Das große humane Drama der jüngsten Geschichte, noch einmal tief authentisch und mit nachhaltiger Wirkung erzählt.

Das vollständige Programm finden sie unter: http://www.iffmh.de/programm/programm-2019/.